02.08.2020

"Wir waren ja noch Kinder"

Dieter Sell
epd

Bad Bederkesa (epd). Geschlafen haben sie auf Holz: Eine Pritsche, eine Decke. Überall Läuse und Wanzen, die Blut gesaugt haben. Im Lager Tscheljabinsk am Ural gab es wenig zu essen. Manchmal war der Hunger so groß, dass die Fischreste in der Latrine herhalten mussten. Szenen wie diese inszeniert die norddeutsche Theatergruppe "Das Letzte Kleinod" in einem länderübergreifenden Projekt, das am Samstagabend in Bad Bederkesa bei Bremerhaven erstmals aufgeführt wurde. Im Mittelpunkt des 75-minütigen Stückes steht das Schicksal junger Wehrmachtssoldaten, die in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, oft über viele Jahre.

Die Premiere des Dokumentartheaters läuft unter freiem Himmel und natürlich unter strengen Corona-Auflagen. Regisseur Jens-Erwin Siemssen lässt den Stoff vor der Kulisse skelettierter Eisenbahnwaggons im Museumsbahnhof des Ortes lebendig werden - auf der Grundlage von Interviews mit Zeitzeugen. Sieben Männer hat er befragt, von denen der jüngste heute 92 Jahre alt ist. "Sie erzählten von der Kindheit in der Hitlerjugend, von der Verblendung durch den Faschismus, von der Verrohung der Jugendlichen im Kriegsgeschehen und dem Leid in sibirischen Lagern", berichtet Siemssen.

Aus ihren Erinnerungen entstanden Dialoge, die Siemssen mit vier Schauspielerinnen inszeniert, um auch auf diese Weise mit Sehgewohnheiten zu brechen. Sie alle haben persönliche Erfahrungen mit dem Land, in dem die Lager errichtetet wurden, denn sie sind in Kasachstan und in Sibirien geboren. "Wir waren ja noch Kinder", gaben die Zeitzeugen zu Protokoll, was jetzt im Verlauf des Abends immer wieder und auch mit entschuldigendem Unterton zu hören ist.

"Erstaunlicherweise schilderten sie die sibirische Bevölkerung überwiegend als freundlich", sagt Siemssen und ergänzt: "Gleichzeitig bekannten sie sich als überzeugte Kriegsgegner und Gegner von rechtsextremem Gedankengut", sagt Siemssen.

Ein altes Soldatenliederbuch, Kochgeschirr, Munitionskisten, Klappspaten, Zeltbahnen, Feldbetten, Orden, Offiziersdolch und ein amerikanisches Mannschaftszelt: Mit einer übersichtlichen Zahl an Requisiten führt das Ensemble das Publikum in eine Zeit, die zunächst von Hitler-Treue und Kriegseuphorie, später von Tod, Entbehrungen und in der Kriegsgefangenschaft auch von Sehnsucht nach der Heimat geprägt ist.

"Es ist eine Gratwanderung", beschreibt Siemssen seine Gefühle und fragt: "Darf man Empathie empfinden mit diesen jungen Wehrmachtssoldaten?" Das gilt auch angesichts der noch größeren Zahl von Rotarmisten, die von den Nationalsozialisten gefangen genommen und meist unmenschlich behandelt wurden. Millionen starben.

Zur Zahl deutscher Gefangener in sowjetischen Lagern gibt es unterschiedliche Angaben. Immer wieder tauchen Zahlen von mehr als drei Millionen Wehrmachtssoldaten auf, mehr als eine Million kamen um oder gelten als vermisst. Erst im Zusammenhang mit dem Moskau-Besuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer und seinen Verhandlungen am 8. September 1955 wurden die letzten 9.626 Deutschen, die in der Sowjetunion verurteilt worden waren, in die Heimat entlassen.

Wieder in Freiheit begrüßt der deutsche Grenzer die Heimkehrer als "Kameraden". Doch die ehemaligen Wehrmachtssoldaten, die ihre Jugend in Gefangenschaft verbracht haben, wollen nichts mehr von militärischer Kameradschaft wissen. Ein Schlusspunkt, der das Publikum nachdenklich zurücklässt. Mit Verzögerung stehen die Zuschauer auf, gibt es anhaltenden Applaus.

Nach weiteren Gastspielen in Worpswede bei Bremen soll es in den kommenden Wochen auf Tournee nach Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen gehen. Die Produktion entstand in Zusammenarbeit mit dem Kleist-Forum in Frankfurt/Oder und ist Teil des Themenjahres "Krieg und Frieden" in Brandenburg. Im Oktober soll das Stück auch im russischen Perm aufgeführt werden.