01.04.2020

"Sie sahen aus wie von den Toten auferstanden"

Katrin Nordwald
epd

Schloß Holte-Stukenbrock (epd). Als die zweite US-amerikanische Panzerdivision kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges das Gefangenenlager "Stalag 326" nahe der westfälischen Kleinstadt Stukenbrock erreichte, bot sich ihr ein grauenvolles Bild. Die dort inhaftierten Männer waren gekleidet in stinkenden Lumpen, die Körper gezeichnet von Seuchen, nicht verheilten Wunden und Mangel an Nahrung. Zusammengepfercht lagen sie auf dreckigen Strohmatratzen in kargen, kalten Baracken. 

"Sie sahen aus wie von den Toten auferstanden", berichtete Oberleutnant Donald P. Chance einem Reporter der "Chicago Sun". "Das meinen die Nazis, wenn sie sagen: 'Bolschewisten sind Tiere und sollen wie Tiere behandelt werden'", heißt es in dem Zeitdokument.

Am 2. April 1945 wurde das wahrscheinlich größte Lager der Wehrmacht für sowjetische Kriegsgefangene und Verschleppte im Gebiet des damaligen Deutschen Reiches befreit. In der Zeit zwischen 1941 und 1945 durchliefen etwa 300.000 Gefangene das "Stalag 326" zur Musterung von Zwangsarbeit im Ruhrbergbau, auf Höfen und in Fabriken. Schätzungen zufolge starben bis zu 65.000 aufgrund der katastrophalen Lagerbedingungen, in einem nah gelegenen Lazarett und den Arbeitskommandos. Die Toten wurden in Massengräbern einen Kilometer entfernt verscharrt, heute ein sowjetischer Ehrenfriedhof. 

Seit 1996 informiert auf dem ehemaligen Lagergelände eine Gedenkstätte über die Geschichte des Stalag, anhand von alten Dokumenten, Filmmaterial, Dias und Zeugenaussagen. Gegenstände wie geschnitzte Holzlöffel oder Tortenständer, die die Sowjet-Soldaten als Tauschware gegen ein Stück Brot fertigten, erzählen vom harten Lageralltag. "Auch gebastelte Strohschachteln, sogenannte Russenkästchen, waren in den Familien in der Region noch lange nach dem Krieg zu finden", erzählt der Geschäftsführer der Gedenkstätte, Oliver Nickel.

Sein Team erhält im Jahr 100 Anfragen von Familien aus Russland und der Ukraine, die nach den verschollenen Vätern, Groß- und Urgroßvätern suchen. Etwa 15.000 Verstorbene wurden seit 1996 identifiziert.

Doch noch immer liegt in dem Ort in der westfälischen Provinz vieles im Verborgenen. Bei jüngsten Ausgrabungen fanden Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe mehr als 1.000 ehemalige Besitztümer der Lagerinsassen: rostiges Geschirr, Reste von Gürteln und Schuhe sowie Dosen mit eingeritzten Jahresdaten oder längeren Zeilen in kyrillischer Schrift. Weitere Funde wie belgische Uniformknöpfe zeigten, dass auch Gefangene anderer Länder in dem Lager untergebracht waren, erläutert Nickel. Eine Auswahl soll künftig in der Ausstellung zu sehen sein.

Langfristig soll die vergleichsweise kleine Einrichtung zu einer breit angelegten Gedenkstätte ausgebaut werden. "Das Ziel ist eine Begegnungs- und Bildungsstätte von internationalem Rang", skizziert Nickel die ambitionierten Pläne, die das Land Nordrhein-Westfalen und der Landschaftsverband unterstützen.

Den Anstoß dazu gab der frühere Bundespräsident Joachim Gauck, als er 2015 das Stalag besuchte und eine stärkere Beachtung des Leids sowjetischer Kriegsgefangener unter den Nationalsozialisten anmahnte. Über dieser Opfergruppe liege ein "Erinnerungsschatten", beklagte Gauck seinerzeit.

"Schon im Expo-Jahr 2000 hatten wir versucht, den Bekanntheitsgrad des Stalag überregional aufzuwerten, doch Gauck gab letztlich den Startpunkt", sagt Nickel rückblickend. Der Altbundespräsident habe sich abseits der Presse viel Zeit für Gespräche mit dem damals 93-jährigen Überlebenden Lev Frankfurt und Schülern eines örtlichen Gymnasiums genommen. "Das war wirklich stark von ihm." 

Auch Lev Frankfurt zeigte sich damals tief berührt, zum ersten Mal in seinem Leben als ehemaliger Lagerinsasse gewürdigt zu werden. "Es ist ein großes Geschenk hier zu stehen, aber auch große Verpflichtung zum Frieden", sagte er 2015. Gebürtig aus Leningrad, heute Sankt Petersburg, sollte der junge Soldat 1943 im Stalag sofort exekutiert werden. Doch der damalige russische Lagerarzt rettete ihm das Leben, in dem er ihm eine fremde Identität gab und in ein anderes Lager überstellen ließ. "Er bezeichnet sich stets selbst als Glückskind", erzählt Oliver Nickel aus seinen Gesprächen mit Frankfurt.

Die Neukonzeption der Gedenkstätte sieht eine erweiterte Nutzung des historischen "Entlausungsgebäudes" auf dem Gelände vor, wo heute das umfassende Archiv untergebracht ist. Die Ausstellung soll zudem thematisch auf die Nachkriegsgeschichte des Stalag ausgedehnt werden: Von 1948 bis in die 70er Jahre war das Areal Auffang- und Durchgangslager für Vertriebene und später DDR-Flüchtlinge. Auch der Zugang soll verbessert werden. Bisher ist der Besuch des "Stalag 326" nur mit Anmeldung erlaubt, weil sich eine Landespolizeischule mit auf dem Gelände befindet. 

Ein Lenkungskreis unter dem Vorsitz des NRW-Landtagspräsidenten André Kuper (CDU) hat eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben. Bis zum 31. Juli muss ein Antrag bei der Staatsministerin für Kultur und Medien vorliegen, um eine Anschubfinanzierung von 50 Prozent zu erhalten. Zur langfristigen Absicherung des Projekts ist die Gründung einer Stiftung angedacht, bislang trägt ein Förderverein die Gedenkstätte. Olivel Nickel ist verhalten optimistisch: "Wir rechnen mit einer Umsetzung in fünf bis zehn Jahren."