08.01.2020

Militärbischof begrüßt Teilabzug deutscher Soldaten aus Irak

Jens Bayer-Gimm
epd

Frankfurt a.M./Berlin (epd). Der evangelische Militärbischof Sigurd Rink hat einen vorübergehenden Abzug deutscher Soldaten aus dem Irak begrüßt. "Es geht zurzeit gar nicht anders, weil die Bedrohungslage so unmittelbar ist, wie die vergangene Nacht gezeigt hat", sagte Rink am Mittwoch in Frankfurt am Main dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Natürlich müssen die Soldatinnen und Soldaten, die ja keinen Kampfauftrag, sondern einen Trainingsauftrag vor Ort haben, entsprechend geschützt werden."

Der Militärbischof äußerte große Besorgnis, dass in der gegenwärtigen "Eskalationsschleife" zwischen den USA und dem Iran alle internationalen Streitkräfte im Nahen Osten in das Blickfeld von Racheakten rücken könnten. Die Bundesregierung werde erst abwarten, ob die irakische Regierung die internationalen Streitkräfte gegen den "Islamischen Staat (IS)" weiter im Land haben wolle oder nicht. "Das war immer schon eine notwendige Bedingung für den Einsatz der Bundeswehr", erklärte Rink. Für die Bürger in Deutschland sei es an der Zeit, sich im Gebet zu sammeln und die deutschen Soldatinnen und Soldaten und die Bewohner des Nahen Ostens in ihre Fürbitten aufzunehmen.

Der Einsatz gegen den IS sei noch nicht beendet, erklärte Rink. Der Einsatz deutscher Soldaten im Irak zur Ausbildung einheimischer Streitkräfte und zur Luftaufklärung sei wichtig gewesen. Die internationale Gemeinschaft habe der Vernichtung von Menschen und Kulturgütern durch den IS nicht tatenlos zusehen können. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, habe in der ethischen Abwägung zwischen dem Mangel eines fehlenden UN-Beschlusses und dem Gebot des Schutzes vor schweren Menschenrechtsverletzungen die Entsendung deutscher Soldaten befürwortet.

Für die Zukunft gelte es, "kluge Wege der Diplomatie zu finden, wo man wieder in eine Verständigung miteinander kommt und in eine Akzeptanz der jeweiligen Territorien", sagte der Militärbischof. Die Situation im Nahen und Mittleren Osten sei schon immer fragil gewesen. Insbesondere die militärische Intervention der USA 2003 im Irak habe zu einer enormen Destabilisierung geführt und den Iran als Großmacht in der Region gestärkt. Für eine Verständigung sei der "Königsweg" noch nicht gefunden, sagte Rink. "Aber es bedarf vieler Anstrengungen, diesen wieder zu finden."

Das Interview im Wortlaut:

epd: Iranische Raketen sind im Raum Erbil eingeschlagen, wo auch deutsche Soldaten stationiert sind. Wie beunruhigt sind die deutschen Soldaten?

Militärbischof Rink: Es ist ein Gefühl großer Unsicherheit und großer Bedrohung dort, und ich bin sehr froh, dass wenigstens die deutschen Kontingente aus Tadschi und aus Bagdad in Sicherheit gebracht worden sind. Ich hoffe, dass das auch für das Kontingent in Erbil passieren wird. Schwierig ist die Situation nicht nur für die Soldatinnen und Soldaten selbst, sondern natürlich auch für die Familien zu Hause. 

epd: Suchen die Soldatinnen und Soldaten den Kontakt zu den Militärseelsorgern?

Rink: Es ist häufig ein ganz direkter Kontakt, der da entsteht. Wir kennen das zum Beispiel aus Afghanistan oder Mali: Wenn Menschen Patrouille gefahren sind, kommen sie anschließend ins Lager zurück. Manche von den Soldatinnen und Soldaten sagen uns dann: Unser erster Gang war in die Kirche, oder: Unser erster Gang war zum Pfarrer. Das geht weit über Konfessionsgrenzen und Kirchenmitgliedschaften hinaus. Es gibt Soldaten, die aus dem Lager hinausfahren und erst ein Vaterunser sprechen oder die anschließend sich zum Gottesdienst oder Gebet versammeln. Es gibt ein schönes Sprichwort, das heißt: Not lehrt beten, und in diesen existenziellen Situationen ist das doppelt wahr.

epd: Der Auftrag der internationalen Koalition, den IS zu besiegen, ist noch nicht erledigt. Halten Sie es für richtig, dass die Bundesregierung nun einen Teil der deutschen Soldaten aus dem Irak abzieht?

Rink: Es geht zurzeit gar nicht anders, weil die Bedrohungslage so unmittelbar ist, wie die vergangene Nacht gezeigt hat. Natürlich müssen die Soldatinnen und Soldaten, die ja keinen Kampfauftrag, sondern einen Trainingsauftrag vor Ort haben, auch entsprechend geschützt werden, sozusagen in einen sicheren Hafen geführt werden. Dort muss man dann entscheiden, ob sich die Situation wieder entsprechend entspannt. Ich bin da in großer Besorgnis, weil wir uns zurzeit in einer Eskalationsschleife befinden. Natürlich sind alle internationalen Streitkräfte, zuvörderst die der USA, unmittelbar im Blickfeld. Es gibt Kräfte, denen es eine Genugtuung wäre, internationale Streitkräfte zu treffen. Von daher kann ich die Entscheidung der Bundesregierung nachvollziehen, zunächst einmal Luft zu holen, und vor allem abzuwarten, wie nun die irakische Regierung damit umgeht: Möchte man weiter die internationalen Kräfte im Land haben oder nicht? Das war immer schon eine notwendige Bedingung für den Einsatz der Bundeswehr.