31.07.2020

"Der Schock sitzt tief"

Gabriele Ingenthron
epd

Grafenwöhr (epd). Der von US-Präsident Donald Trump angekündigte Truppenabzug aus Deutschland schlägt auch in Bayern hohe Wellen. Dabei überwiegen deutlich Kritik und Enttäuschung. Auch am Oberpfälzer Standort Grafenwöhr (Kreis Neustadt an der Waldnaab) ist das so. Er gilt als einer der größten Standorte in Europa. In der 6.500-Einwohner-Stadt und im benachbarten Standort Vilseck sind mehr als 10.000 Soldatinnen und Soldaten stationiert. Betroffen wären nicht nur sie, sondern zusätzlich auch deren US-Familienangehörige, die oft gerne in Deutschland leben. Pfarrer André Fischer leitet die evangelische Gemeinde in Grafenwöhr und erzählt im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) über die derzeitige Situation.

epd: Herr Fischer, wie ist momentan die Stimmung in Grafenwöhr?

André Fischer: Hier in Grafenwöhr sind natürlich viele irritiert und enttäuscht von der Entscheidung Trumps, die US-Truppen abziehen zu wollen. Vermutlich werden Grafenwöhr, aber vor allem der komplette Standort Vilseck mit seinen 4.500 Soldaten, der auch zum evangelischen Dekanat Weiden gehört, davon betroffen sein. Der Truppenübungsplatz in Grafenwöhr hingegen, der auch von den anderen Nato-Partnern intensiv genutzt wird, soll laut bisheriger Aussage erhalten bleiben. Er ist gigantisch groß, hat immense Summen verschlungen und gilt als topmodern. Deshalb glauben viele hier auch, dass der Kelch an ihnen vorübergehen wird. Aber das dachten auch die Menschen in Stuttgart, wo sich die Kommandozentrale der US-Truppen befindet, die aber nun ins belgische Mons verlegt werden soll. In Grafenwöhr sitzt der Schock jedenfalls erst einmal tief. 

epd: Welche Befürchtungen haben die Menschen konkret?

Fischer: Da ist zum einen der wirtschaftliche Faktor: Knapp 3.000 Arbeitsplätze hängen an dem Truppenübungsplatz, die von der deutschen Zivilbevölkerung ausgefüllt werden. Da sind die Gastronomie, die Geschäfte und vor allem auch die zahlreichen Wohnungen und Häuser, in die für amerikanische Mieter investiert wurde. Außerdem ist die US-Armee ein großer Auftraggeber für Baufirmen. Das alles könnte auf einmal wegfallen. Letztlich sind viele Einrichtungen in der Region auch auf die vielen Amerikaner ausgelegt. Wenn ich bei unserem Tierarzt bin, wird dort mehr Englisch als Deutsch gesprochen. Auch das Klinikum Weiden hat viele US-Patienten. 

epd: Haben Sie Sorge, dass Ihre Kirchengemeinde kleiner werden könnte, wenn immer mehr Menschen wegziehen?

Fischer: Das kann ich schlecht abschätzen. Wir haben in der Gemeinde schon viele Menschen, die bei den US-Streitkräften beschäftigt sind. Zurzeit sitzt der Schock einfach tief und die Unsicherheit ist groß. Viele Menschen hoffen einfach noch, dass die US-Wahlen Anfang November eine neuerliche Amtszeit von US-Präsident Trump verhindern und die Entscheidung dadurch revidiert werden könnte.