Pazifisten denken konstruktiv

Rezension zu: Theodor Ziegler, Motive und Alternativentwürfe christlicher Pazifisten – Die vorrangige Option der Gewaltfreiheit im Religionsunterricht der Kursstufe
Ulrich Frey

Pazifisten denken konstruktiv

Rezension zu: Theodor Ziegler, Motive und Alternativentwürfe christlicher Pazifisten – Die vorrangige Option der Gewaltfreiheit im Religionsunterricht der Kursstufe, V&R unipress, Göttingen, 2018, 426 Seiten, Printausgabe 50 Euro, e-book 39,99 Euro

 

Christenmenschen und ihre Kirchen tappen in kritischen gewaltgeneigten Situationen schnell in die Verfügbarkeitsfalle, dass nämlich staatliche militärische Gewalt vorhanden ist und durch ihren Einsatz zumindest Entlastung, wenn nicht gar Befreiung verspricht. Der „Mythos der erlösenden Gewalt“ (Walter Wink) lockt. Die „Lehre vom gerechten Krieg“ sollte Waffengänge zwischen Staaten eigentlich verhindern. Sie scheiterte in zwei Weltkriegen. Die Ökumene der christlichen Kirchen gebar das „Leitbild vom gerechten Frieden“, das friedenstheologisch und friedensethisch weithin anerkannt ist. Es begründet als prima ratio die „Option für die Gewaltfreiheit“ oder den „Vorrang der Gewaltfreiheit“, was militärische Gewalt als ultima ratio und als einen Grenzfall einschließt. Der Autor Theodor Ziegler stellt die friedensethische Frage auf den 426 Seiten seines Buches grundsätzlicher: Muss nicht die Gewaltfreiheit ausschließlich gelten? (S. 33) Damit stärkt er den Trend in der friedensethischen Diskussion, die ultima ratio militärischer Gewalt zu überwinden.

 

Theodor Ziegler, Lehrbeauftragter an der Evangelischen Hochschule Freiburg und Mitglied im Leitungskreis des Forum Friedensethik in der Evangelischen Landeskirche in Baden, erfahren in der kirchlichen Jugendarbeit, in der Seelsorge für Kriegsdienstverweigerer und Zivildienstleistende sowie im Religionsunterricht, hat im Rahmen seiner Dissertation fünfzehn Pazifistinnen und Pazifisten zu ihren Motivationen und Alternativentwürfen befragt und die Ergebnisse in zehn Hauptthesen zu Merkmalen einer christlich-pazifistischen Einstellung für die schulische Friedensbildung im Religionsunterricht der Kursstufe verdichtet. Gesprächspartner von Ziegler waren Harald Bretschneider, Eugen Drewermann, Theodor Ebert, Fernando Enns, Ute Finckh-Krämer, Albert Fuchs, Hans Häselbarth, Ullrich Hahn, Ullrich Lochmann, Stefan Maaß, Paul Oestreicher, Ulrich Parzany, Paul Russmann, Horst Scheffler und Markus Weingardt. Seine unmittelbaren Zielgruppen sind die Schülerinnen und Schüler der Mittel- und der Oberstufe und die dort unterrichtenden Lehrkräfte. Mittelbar sind jedoch alle angesprochen, die an der Überwindung und Verminderung von Gewalt arbeiten.

 

Die Dissertation gliedert sich inhaltlich in fünf Teile: 1. Einleitung, 2. Theorieteil (Grundbegriffe und Grundfragen der Friedensforschung und Friedensarbeit in religionspädagogischer Hinsicht), 3. empirischer Forschungsteil – Methodologie, 4. Empirischer Forschungsteil – Qualitative Inhaltsanalyse der Expert_innen-Interviews (Motivationen für eine christlich-pazifistische Einstellung, Alternativen, Realisierungsvorstellungen, Beitrag der Kirchen, Anregungen für die Pädagogik/Didaktik, Begriff „Pazifismus“, Merkmale einer christlich-pazifistischen Einstellung), 5. Schlussteil: Reflexion einiger grundlegender Fragen und Fazit.

 

Um die „einschlägigen Erfahrungen von christlich-pazifistisch eingestellten Persönlichkeiten als Basis einer Theoriebildung für die friedensethische Befassung im Religionsunterricht“ zu untersuchen, nutzte Ziegler die qualitative Form der empirischen Sozialforschung. Von der Erforschung der Grundlagen gelangte er induktiv zur Theorie. Die Befragung der Experten orientierte sich an den Standards einer anwendungsfallbezogenen Variante des Leitfadeninterviews (S. 64). Er stellte den Expert_innen  sechs Fragen, unter anderem zu Friedensbildung und Friedenserziehung. Aus den daraus gewonnenen 84 Thesen wurden zum Schluss der Inhaltsanalyse als Grundlage für eine religionsdidaktische Theorieentwicklung zehn Hauptthesen gebildet, und zwar zu Motivationen und Alternativvorstellungen, zu Folgerungen für die Realisierung, zu den Aufgaben der Kirchen, zu Anregungen für die Pädagogik und zum Begriff „Pazifismus“ (S. 86).

 

Die Forschungsfragen der religionspädagogischen Arbeit sind: Wie lässt sich eine christlich-pazifistische Einstellung theologisch, religionspädagogisch und ethisch begründen? Welche Perspektiven eröffnet sie und wie lassen diese sich realisieren? Welche Grundfragen und Probleme sind damit verbunden und welche Folgerungen ergeben sich daraus für die Befassung im Religionsunterricht der Oberstufe? (S. 75). Das sind Fragen zur Bildung für den Frieden. Ziegler versteht die Friedensbildung als „eine wesentliche Dimension des Bildungshandelns“ (S. 369). Mit Volker Ladenthin definiert er Bildung als „die Fähigkeit zum selbstbestimmten sachlich angemessenen und sittlich gültigen Handeln in und mit der natürlichen und kulturellen Welt und mit anderen Menschen unter dem Anspruch eines sinnvoll gelingenden Lebens“ (S. 369). Als “Konflikt“ bezeichnet er mit Bonacker und Imbusch als die „Phase in einem Kontinuum (z.B. Ausgangspunkt oder aber als Resultat und Endpunkt sozialer Prozesse), als Mittel oder Zweck“ (S. 42). Für die Realisierung von Alternativentwürfen zur Friedensbildung sind nach Ziegler vier Analyseebenen wichtig: die Ebenen a) der intrapersonalen Konflikte eines Individuums, b) der interpersonalen Konflikte, c) der innergesellschaftlichen und d) der internationalen Konflikte (S. 44). „Gewalt“ versteht Ziegler nach Johan Galtung als das Dreieck von personaler (direkter), struktureller und kultureller Gewalt (S. 47).

 

Antworten auf die Forschungsfragen geben die aus den Interviews und den 84 Teilthesen gewonnenen zehn  Hauptthesen (S. 360ff.).

 

Hauptthesen zur Motivation für Pazifismus:

1. „Aus eigenen und vermittelten Kriegserfahrungen gilt es, die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen“. Das betrifft also die eigene Biographie oder die anderer.

 2. Aus dem christlichen Glauben folgt. „ Die Gewaltfreiheit gehört zum Wesenskern des in Jesus Christus geoffenbarten Gottes. Sie inspiriert das Bemühen um lebensförderliche Handlungsalternativen zur Gewalt in allen Lebensbereichen, auch auf der politischen Konfliktebene.“

3. Daraus ergibt sich Militärkritik: „Militärische Gewaltpotenziale, insbesondere im Zeitalter der  ABC-Waffen, stehen einer friedlichen internationalen Konfliktkultur sowie einem an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und an dem zivilgesellschaftlichen partizipativen Modell von Demokratie orientierten Wertekodex prinzipiell entgegen und bedürfen der Überwindung."

 

Hauptthesen zu pazifistischen Alternativentwürfen:

4. Utopien sind notwendig. „Insbesondere aus der Erkenntnis, dass die Überwindung des Krieges zur Überlebensbedingung der Menschheit geworden ist, erwächst das Interesse an Visionen einer friedlichen Welt, an deren Beschreibung in Utopien sowie an der Entwicklung entsprechender Umsetzungsstrategien für eine gewaltfreie internationale Konfliktkultur.“

5. Arbeit an den Friedensursachen ist notwendig: „Der Aufbau einer gewaltfreien Außen- und Sicherheitspolitik ist unlösbar mit der Schaffung gerechter Lebens- und Handelsbedingungen verbunden“, außerdem an einem an Suffizienz ausgerichteten Konsumverhalten, an einer nachhaltigen Produktion und einem fairen Welthandel.

6. Ansatzpunkte für für eine friedliche Welt sind möglich: Förderung von Rechtsstaatlichkeit durch demokratische Bildung und Menschenrechte, auch auf globaler Ebene (Weltinnenpolitik), Einsatz von professionellen Fachkräften für zivile Konfliktbearbeitung und breite Bewusstseinsbildung der Bevölkerung durch gewaltfreie Alphabetisierung.

 

Hauptthese zu den Realisierungswegen:

7. Schritte zur Entmilitarisierung sind: der „Auf- und Ausbau ehrenamtlicher und professioneller ziviler Konfliktbearbeitung, auch in staatlichem Auftrag; „Abbau von Kriegsursachen durch notlindernde Entwicklungszusammenarbeit und gerechte Handelsstrukturen“; „Abbau des Militärs, Beendigung von Rüstungsproduktion und -export und Austritt aus Militärbündnissen“; „innergesellschaftliche Minimierung von struktureller Gewalt und Maximierung friedenslogischer Denkschemata.“

8. Hauptthese zur Rolle der Kirchen

Die Kirchen haben eine zentrale Rolle dabei, Gewaltfreiheit, Friedenstiften und Versöhnungsbereitschaft zu verbreiten. Sie können in Konflikten vermitteln, auch auf der interreligiösen Ebene. „Die behauptete 'Vorrangigkeit der gewaltfreien Option' ist eine zu schwache friedensethische Forderung, weil sie ... die militärische Option impliziert.“ Die „Verurteilung von Kriegen als Sünde wider Gott …. reicht nicht aus“, ohne gleichzeitig „die Vorhaltung oder Androhung militärischer Gewaltpotenziale“ auszuschließen. 

9. Hauptthese zu Anregungen für die Pädagogik/Didaktik

„Die für eine gewaltfreie Haltung konstitutiven Kenntnisse und Kompetenzen können im Religionsunterricht mittels einer breiten, spiralkurricular angelegten Friedensbildung gefördert werden. ...“ Sehr bedeutsam ist die professionelle Fach – und Methodenkompetenz der Religionslehrkräfte und der Berücksichtigung von Friedensbildung in der Ausbildung.

10. Hauptthese zum Begriff „Pazifismus“

Der „klare Ansage in Bezug auf die Ablehnung jedweder militärischen Institutionen.“ Deshalb wird er „systemübergreifend politisch verfolgt und teils auch volkskirchlich“ abgelehnt.

 

Das Buch bereichert die religionspädagogische Literatur um ein profiliertes, thematisch auf die Gewaltfreiheit zugespitztes Werk. Die Antworten, die Ziegler durch die Interviews auf seine Forschungsfragen erhalten hat, sind nicht nur für den Religionsunterricht bedeutsam. Sie gelten auch für die aktuelle Diskussion zu Friedenstheologie und Friedensethik in den evangelischen Kirchen in Bezug auf die 2019 in Dresden bevorstehende Synode der EKD zum Thema „Frieden“ und das Denken und Argumentieren von Einzelnen, Gruppen in und außerhalb der verfassten Kirchen. Ziegler bereichert die Diskurse in der Friedenspädagogik durch eine klare pazifistisch begründete Stellungnahme. Deshalb ist seinem Buch nicht nur für den schulischen Religionsunterricht eine größere Verbreitung zu wünschen, sondern darüber hinaus auch bei allen friedenstheologisch und friedensethisch interessieren Menschen.