24.04.2019

"Der Kontakt zu meiner Familie hilft, nicht verrückt zu werden"

Jana-Sophie Brüntjen
epd

Berlin (epd). Egal ob Kugelhagel, Malaria oder Straßenschäden: Vorbereitung, sagt Andrea Trevisan, ist im Einsatz das A und O. "Wenn du vorbereitet bist, treffen dich solche Dinge weniger überraschend", sagt er. Anderthalb Jahre leitete der 37-Jährige das Büro der Hilfsorganisation Handicap International in der Zentralafrikanischen Republik, einem der ärmsten und konfliktreichsten Länder der Welt. Seine Vorgänger blieben im Schnitt vier Monate. 

Gerade aus dem afrikanischen Land zurückgekehrt, besucht Trevisan das Berliner Büro von Handicap International, und hat danach einen Termin im Auswärtigen Amt. Er ist ein sportlicher Typ, schlank, braun gebrannt. Ein Mann, der viel lächelt und über Erfolge immer in der Wir-Form spricht.  

Die Zentralafrikanische Republik versank 2013 in einen blutigen Bürgerkrieg, rund die Hälfte der Bevölkerung ist auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die Infrastruktur wurde weitgehend zerstört. Der Konflikt hinterlässt viele Verletzte, denen Handicap International durch Reha-Maßnahmen und psychologische Unterstützung wieder ein selbstständiges Leben ermöglichen will. Hilfsorganisationen haben Schwierigkeiten, Personal für ihre Missionen in dem Land zu finden, sagt Trevisan. Die Lage sei schwierig, die Arbeit herausfordernd. 

Trevisan konnte das nicht abschrecken. Das erste Mal zog es ihn 2014 in das Land, 2017 zum zweiten Mal. Davor hatte er zwei Einsätze in Afghanistan, war drei Jahre in der Demokratischen Republik Kongo. "Ich wechsele meine Einsätze in Afrika mit Einsätzen auf anderen Kontinenten ab", sagt er. Ansonsten gewöhne er sich zu sehr an eine Umgebung. Das könne er sich nicht erlauben: Wer sich an etwas gewöhnt und glaubt, er wisse alles, mache Fehler. "Deswegen sind Pausen und Zeit für sich so wichtig. Einmal raus aus dem Land, ein sauberer Schnitt und dann aufgeschlossen zurück", sagt er. Ansonsten verliere man das große Ganze aus dem Auge. 

Dem gebürtigen Italiener war nicht immer klar, dass er im humanitären Bereich arbeiten will. "Ansonsten hätte ich nicht zuerst Chemie studiert", sagt er. Angefangen hat seine Karriere nach seinem Studium, als er in seiner Heimat für eine kleine Hilfsorganisation Spenden sammelte. Damals habe er gemerkt, dass die humanitäre Hilfe auch eine Karriere sein kann. Er bildete sich fort, arbeitete zunächst für eine Hilfsorganisation in der Logistik und spezialisierte sich dann in einem Masterstudium. "Meine Motivation ist es, Menschen zu helfen", sagt er. 

Seine Familie war von dieser Entscheidung zunächst nicht begeistert, erzählt Trevisan. Dann hätten sie gesehen, welche positiven Auswirkungen seine Arbeit hat. "Heute sind sie stolz", sagt er. Sorgen machten sie sich dennoch immer - als Italiener besonders über seine Ernährung. "Die ersten Frage sind immer: Hast du genug zu essen? Wie ist das Essen?", sagt er. Wenn er zu einem Einsatz fahre, packen seine Angehörigen ihm Lasagne und Kuchen ein. 

Er versuche immer, seine Familie so wenig wie möglich zu beunruhigen, sagt er. Wenn er zum Beispiel unter Beschuss gerate, rufe er immer erst an, wenn sich die Situation wieder beruhigt hat. Missen will er die Anrufe nie: "Der Kontakt zu meiner Familie hilft, nicht verrückt zu werden", sagt er. Und andere Dinge helfen, eine Routine aufzubauen: Brunch am Sonntag, Meditation, regelmäßiger Sport. 

Vor Ausnahmesituationen schützten allerdings selbst die besten Routinen und die beste Vorbereitung nicht, erzählt Trevisan. Angriffe auf Fahrzeuge, Konvois oder Lager von Hilfsorganisationen seien an der Tagesordnung. "Wir sind ungeschützt, sehr verletzlich", sagt er. Die schlimmsten Angriffe gebe es auf die humanitären Helfer, die direkt an der Front arbeiten. Es habe 2018 einige Tote gegeben, mehrere Traumatisierte. Einige brechen ihren Einsatz nach einem Überfall ab. Er könne das verstehen: "Man muss auf sich selbst hören."

Verständnis habe er zu einem gewissen Grad auch für die Angreifer. "Das größte Problem in dem Land ist die Armut", sagt er. Es seien keine Angriffe auf das Mandat der Hilfsorganisation. Es gehe nur um die Ressourcen. Wütend mache ihn aber, dass er so weniger hilfsbedürftige Menschen erreichen könne. Und mit Angriffen auf seine Mitarbeiter kämen die Zweifel: "Habe ich die Situation wirklich richtig analysiert?"

Trevisan will vor seinem nächsten Einsatz Pause in Italien machen, viel essen, viel schlafen. Ob er noch einmal in die Zentralafrikanische Republik gehen wird, weiß er noch nicht. Er behalte das Land aber im Auge: "In dem Land kann ich mit meiner Arbeit wirklich einen Unterschied machen." Und schließlich wäre es nicht seine erste Rückkehr. 

Die Zentralafrikanische Republik zählt zu den ärmsten und konfliktreichsten Ländern der Welt: Der Binnenstaat mit knapp fünf Millionen Einwohnern versank nach dem Sturz von Präsident Francois Bozizé im März 2013 in einem blutigen Konflikt. Dutzende Rebellengruppen, darunter die mehrheitlich christliche Anti-Balaka-Bewegung und die muslimisch-geprägten Seleka, lieferten sich Gefechte. Trotz des Einsatzes internationaler Truppen und mehrerer Versuche, Frieden zu schließen, kam das Land bis zuletzt nicht zur Ruhe. 

Nach UN-Angaben sind rund drei Millionen Menschen, und damit mehr als 60 Prozent der Bevölkerung, auf humanitäre Hilfe angewiesen. Mehr als 1,1 Millionen Menschen sind vor den Kämpfen geflohen, unter ihnen Hunderttausende Kinder. Erschwert wird die Arbeit der Hilfsorganisationen durch Angriffe auf ihre Mitarbeiter: Nach Angaben der britischen Forschungs- und Beratungsgruppe Humanitarian Outcomes wurden allein im vergangenen Jahr 21 humanitäre Helfer in dem Land getötet. 

Anfang Februar einigten sich die Regierung und 14 Rebellengruppen auf einen Friedensschluss. Zuvor geschlossene Abkommen waren immer wieder gebrochen worden. In dem Konflikt ermitteln unter anderem der Internationale Strafgerichtshof und ein 2015 gegründetes Sondertribunal. Allen Beteiligten werden schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.