22.04.2018

Misereor: Viele ungelöste Konflikte und Unsicherheit im Nordirak

Mey Dudin
epd

Aachen (epd). Die Lage im Nordirak ist nach Einschätzung des katholischen Hilfswerks Misereor weiter geprägt von ungelösten Konflikten. "Nach wie vor gibt es ein Sicherheitsproblem und interreligiöse Spannungen", sagte Misereor-Hauptgeschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Ninive-Ebene werde nach dem Rückzug der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) neben den regulären Streitkräften auch von Milizen-ähnlichen Gruppierungen kontrolliert. Dabei handle es sich mehrheitlich um Milizen schiitischen Glaubens, es gebe aber auch bewaffnete Gruppen von Christen und Jesiden. Die Beziehungen unter ihnen seien nicht spannungsfrei. "Die Frage der interreligiösen Beziehungen wird zu einem Prüfstein für Irak werden." 

Versöhnung, Wiederaufbau und die Rückkehr von Flüchtlingen stehen auch im Mittelpunkt des Irak-Besuchs von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU), der am Samstag begann. Nach Angaben des Misereor-Hauptgeschäftsführers sind vier Monate nach dem erklärten Sieg über den IS etwa die Hälfte aller Christen in ihre Heimatorte im Nordirak zurückgekehrt. "Viele trauen dem Frieden aber nicht", sagte Bröckelmann-Simon. "Die meisten haben noch ein Standbein in Erbil als eine Art Rückversicherung", fügte er mit Blick auf die gut geschützte Hauptstadt der kurdischen Region hinzu. Jeder Wiederaufbau geschehe zudem auf Eigeninitiative der Menschen. "Der Staat macht herzlich wenig."

Bröckelmann-Simon, der den Nordirak jüngst und auch schon im vergangenen September besucht hat, beobachtete eine Veränderung des interreligiösen Kräfteverhältnisses. "Dort, wo einst Christen gewohnt haben, werden freie Grundstücke von anderen übernommen." Das gelte auch für Orte, die einst christlich dominiert waren. Nach Mossul, in die einstige IS-Hochburg, wolle indes derzeit kein Christ zurückkehren. 

Eine rasche Rückkehr der nach Deutschland geflüchteten Iraker in ihre Heimat erwartet der Misereor-Geschäftsführer vorerst nicht. "Ich könnte angesichts der schwierigen Sicherheitslage und der ungelösten Fragen jeden nur zu gut verstehen, der Sorgen hat, jetzt schon zurückzukehren." Entwicklungsminister Müller will die Rückkehr mit einem Migrationsberatungszentrum fördern. Schätzungen zufolge sank die Zahl der Christen im Irak laut der katholischen Deutschen Bischofskonferenz in den letzten zehn Jahren von 1,2 Millionen auf 200.000 bis 500.000.