03.01.2018

Antisemitische Flüchtlinge: Historiker warnt vor Überheblichkeit

Judith Kubitscheck
epd

London/Detmold (epd). Der Historiker David Motadel warnt mit Blick auf antisemitische Tendenzen unter Flüchtlingen vor moralischer Überheblichkeit der Deutschen. "Es waren nicht Muslime, die sechs Millionen Juden ermordet haben - es war die Generation unserer Väter, Großväter und Urgroßväter", sagte der Professor für Internationale Geschichte an der London School of Economics dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zugleich räumte Motadel ein, dass Antizionismus und Antisemitismus unter Flüchtlingen weit verbreitet seien. Dies ergab auch eine Studie des American Jewish Committee (AJC) Berlin vom vergangenen Dezember. "Diese Entwicklung müssen wir offensiv angehen."

Gleichzeitig dürften sich die Deutschen nicht selbstgefällig zurücklehnen, betonte der gebürtige Detmolder. "Es mag für den einen oder anderen in diesem Land moralisch erleichternd, ja vielleicht sogar therapeutisch sein, dass sich endlich einmal nicht die Deutschen für Antisemitismus verantworten müssen - dass endlich einmal die anderen 'schuld' sind", sagte Motadel. Moralische Überheblichkeit sei jedoch unangebracht.

Für sein Buch "Für Prophet und Führer", dessen deutsche Übersetzung kürzlich im Stuttgarter Klett-Cotta-Verlag erschienen ist, untersuchte der Historiker erstmals umfassend die Islampolitik des Dritten Reiches. Nach Ansicht von Motadel stellte sich das NS-Regime als Schutzherr des Islam dar.

Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges habe das NS-Regime zunehmend versucht, Muslime zum Kampf gegen angeblich gemeinsame Feinde zu mobilisieren, sagte der Historiker. An der Ostfront, wo Josef Stalin vor dem Krieg den Islam brutal unterdrückt hatte, hätten die deutschen Besatzer Moscheen und Koranschulen wieder aufgebaut - in der Hoffnung, so die Sowjetherrschaft zu unterminieren.

Auch die Wehrmacht und die Waffen-SS haben laut Motadel ab 1941 Zehntausende muslimische Freiwillige rekrutiert, die in Stalingrad, Warschau, Mailand und sogar bei der Verteidigung Berlins kämpften. Ihnen seien das Gebet und das Schächten gestattet worden, und Militär-Imame seien nicht nur für die religiöse Betreuung der Rekruten verantwortlich gewesen, sondern auch für deren politische Indoktrinierung. 

"Insgesamt waren es jedoch strategische Beweggründe - nicht ideologische Vorstellungen - die hinter der deutschen Islampolitik standen", betonte der Historiker. Allerdings hätten einige führende Nationalsozialisten, vor allem Adolf Hitler und Heinrich Himmler wiederholt ihre Sympathie für den Islam bekundet und den Islam als starke, aggressive Kriegerreligion gelobt.

Das Gepräch im Wortlaut:

epd: Herr Motadel, um die Islampolitik des NS-Regimes zu erforschen, recherchierten Sie in 30 Archiven in 14 Ländern und überprüften Textquellen in acht verschiedenen Sprachen. Was ist Ihr Ergebnis: Wie sah die Politik der Nazis gegenüber Muslimen aus? 

Motadel: Auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges, in den Jahren 1941-42, als deutsche Truppen in muslimisch bevölkerte Gebiete einmarschierten und sich dem Nahen Osten und Zentralasien näherten, versuchte das NS-Regime zunehmend, Muslime zum Kampf gegen angeblich gemeinsame Feinde zu mobilisieren - gegen das Britische Empire, die Sowjetunion, Amerika und die Juden.

epd: Wie ging das konkret?

Motadel: Das NS-Regime organisierte eine weitreichende Islam-Propaganda und -Politik, um das Dritte Reich als Schutzherrn des Islam zu präsentieren. Bereits 1941, kurz vor dem Einmarsch in Nordafrika, gab die Wehrmacht die Tornisterschrift "Der Islam" heraus, um die deutschen Soldaten im Umgang mit den dortigen Muslimen zu instruieren. 

An der Ostfront - wo Stalin vor dem Krieg den Islam brutal unterdrückt hatte - bauten die deutschen Besatzer Moscheen und Koranschulen wieder auf in der Hoffnung, so die Sowjetherrschaft zu unterminieren. Islamische Autoritäten aus Nordafrika, vom Balkan und aus den Ostgebieten wurden angeworben. Deutsche Propagandisten politisierten religiöse Texte wie den Koran, und religiöse Imperative wie das Konzept des Dschihad, um Muslime zur religiösen Gewalt gegen die Alliierten anzustacheln.

epd: Sie schreiben, dass auch die Wehrmacht und die Waffen-SS ab 1941 Zehntausende muslimische Freiwillige rekrutierten...

Motadel: Ja, unter ihnen waren Bosnier, Albaner, Krimtataren und Muslime aus dem Kaukasus und aus Zentralasien. Man erhoffte sich dadurch, deutsches Blut zu "sparen" und die Verluste an der Ostfront auszugleichen. Muslimische Soldaten wurden an allen Fronten eingesetzt - sie kämpften in Stalingrad, Warschau, Mailand und sogar bei der Verteidigung Berlins. Den Rekruten wurden umfassende religiöse Zugeständnisse gemacht: Islamische Rituale und Praktiken wurden gestattet, wie etwa das Gebet oder das Schächten, welches 1933 durch das antisemitische Reichstierschutzgesetz verboten worden war. Eine besondere Rolle in den Einheiten spielten Militärimame. Diese waren nicht nur für die religiöse Betreuung der Rekruten verantwortlich, sondern auch für deren politische Indoktrinierung. 

epd: Gab es auch ideologische Gründe für die Zusammenarbeit?

Motadel: Es ist richtig, dass einige führende Nazis, vor allem Hitler und Himmler, sehr islamophil waren und wiederholt ihre Sympathie für den Islam bekundeten. Wann immer Hitler während der Kriegsjahre die katholische Kirche kritisierte, verglich er sie mit dem Islam als positivem Gegenbeispiel: Während er den Katholizismus als schwache, verweichlichte Religion verurteilte, lobte er den Islam als starke, aggressive Krieger-Religion. Insgesamt waren es jedoch strategische Beweggründe - nicht ideologische Vorstellungen - die hinter der deutschen Islampolitik standen.

epd: War der Rassismus des NS-Regimes kein Hindernis?

Motadel: Vor dem Krieg hatte sich Hitler tatsächlich immer wieder verächtlich über nicht-europäische Völker wie Inder oder Araber geäußert. Während des Krieges jedoch zeigte sich das NS-Regime hier pragmatisch: Nichtjüdische Türken, Iraner und Araber wurden bereits in den 1930er Jahren explizit von jeglicher offiziellen rassistischen Diskriminierung ausgenommen - nach Interventionen der Regierungen in Teheran, Ankara, und Kairo. Während des Krieges bewiesen die Deutschen ähnlichen Pragmatismus gegenüber Muslimen vom Balkan und den Türk-Minderheiten der Sowjetunion.

epd: Arbeiteten die Muslime deshalb mit den Nazis besonders gut zusammen, weil sie der gemeinsame Antisemitismus verband?

Motadel: Auf deutscher Seite waren vor allem pragmatische, strategische Gründe ausschlaggebend. In der Propaganda, besonders in der arabischen Welt, spielten natürlich - ebenso wie in der deutschen Auslandspropaganda insgesamt - antisemitische Themen eine große Rolle. Diese wurden häufig mit Angriffen auf die zionistische Migration nach Palästina verbunden.

Auf muslimischer Seite kann man nicht verallgemeinern. Einige der muslimischen Verbündeten der Nazis - vor allem der Mufti von Jerusalem - teilten den Judenhass des NS-Regimes. In den Kriegsgebieten selbst, also auf dem Balkan, in Nordafrika oder in den Ostgebieten, war das Bild komplizierter. In vielen dieser Gebiete hatten Muslime und Juden lang zusammengelebt. Und in einigen Fällen halfen Muslime Juden, sich vor den Deutschen zu verstecken.

epd: Wie erfolgreich war die deutsche Islampolitik am Ende?

Motadel: Am Ende waren die deutschen Versuche, muslimische Verbündete zu gewinnen, weniger erfolgreich, als in Berlin erhofft. Allzu oft wurde die pro-muslimische deutsche Politik von der Gewalt der deutschen Kriegsführung und Besatzungspraxis überschattet. Hinzu kam, dass es Berlins Behauptungen, die Muslime zu beschützen, an Glaubwürdigkeit fehlte. Und zuletzt waren Deutschlands Feinde - also vor allem das Britische Empire, aber auch die Sowjetunion - häufig sehr viel erfolgreicher darin, Muslime zu rekrutieren: Hunderttausende kämpften für die Alliierten - vor allem in den Kolonialtruppen der Briten und de Gaulles Freien Franzosen - und trugen damit zur Befreiung Europas bei. 

epd: Blicken wir in die Gegenwart: In Deutschland nimmt der Antisemitismus wieder zu - auch der islamische...

Motadel: Dies ist natürlich ein Problem. In diesen Tagen veröffentlichte das American Jewish Committee (AJC) Berlin eine Studie, die nahelegt, dass sowohl Antizionismus als auch Antisemitismus unter Flüchtlingen weit verbreitet ist. Diese Entwicklung müssen wir offensiv angehen.

Gleichzeitig dürfen wir uns als Deutsche nicht selbstgefällig zurücklehnen. Es mag für den einen oder anderen in diesem Land moralisch erleichternd, ja vielleicht sogar therapeutisch sein, dass sich endlich einmal nicht die Deutschen für Antisemitismus verantworten müssen - dass endlich einmal die anderen "schuld" sind.  Moralische Überheblichkeit ist jedoch unangebracht. Es waren nicht Muslime, die sechs Millionen Juden ermordet haben - es war die Generation unserer Väter, Großväter, und Urgroßväter. 

Außerdem wurden laut Statistik der Bundesregierung im ersten Halbjahr 2017 93 Prozent aller antisemitischen Straftaten in Deutschland von Rechtsradikalen, also von nicht-muslimischen Deutschen verübt. Antisemitismus und Rassismus bleiben in Deutschland vor allem ein deutsches Problem. 

epd: Vielen Dank für das Gespräch.