04.12.2016

Sozialforscher Rucht: Für Frieden gehen immer weniger auf die Straße

Stephan Cezanne
epd

Berlin (epd). Das Thema Frieden bringt nach Beobachtungen des Berliner Soziologen Dieter Rucht immer weniger Menschen auf die Straße. Obwohl die Gesamtzahl der Demonstrationen nicht zurückgegangen sei, gebe es heute deutlich weniger Proteste gegen Krieg und Gewalt, so etwa zum Syrien-Konflikt, sagte der Protestforscher vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung dem Evangelischen Pressedienst (epd). Bei den großen Demonstrationen in den frühen 1980er Jahren gegen den Nato-Doppelbeschluss oder 2003 gegen den Irak-Krieg wurden bis zu 500.000 Teilnehmer gezählt.

Einer der Gründe für eine zurückgehende Bereitschaft für Anti-Kriegs-Demos sei wohl, dass die Wahrnehmung von Konflikt- oder Bedrohungssituationen sowie militärischen Interventionen in der weiter zurückliegenden Vergangenheit anders war. Rucht: "Man konnte Gut und Böse, Richtig und Falsch eindeutig zuordnen." Beispiel sei etwa der Vietnamkrieg, wo zumindest für die Demonstranten die Rollen - böse Amerikaner und guter Vietcong - klar verteilt waren, betonte der Professor für Soziologie. Ob es gestimmt habe, sei nicht entscheidend, sondern dass die Leute die Situation so wahrgenommen hätten.

Zudem habe der Pazifismus an Breitenwirkung verloren. Dieser werde zwar noch als eine ehrenwerte Einstellung betrachtet, aber auch als naiv kritisiert, fügte Rucht hinzu. Das hänge damit zusammen, dass es inzwischen immer mehr "humanitäre" militärische Interventionen gebe und auch die Bundeswehr sich nicht mehr auf ihren Kampfeinsatz beschränke, sondern gelegentlich als Partner karitativer Organisationen erscheinen wolle.

Der kompromisslose Pazifismus in der frühen Ostermarschbewegung und insbesondere in kirchlichen Kreisen "ist in den letzten Jahren aufgeweicht", sagte Rucht. Auch bei den Grünen sei der noch in der Gründungsphase vorherrschende Pazifismus nicht mehr breit verankert. Bei den traditionellen Ostermärschen für weltweiten Frieden gebe es keine Tendenz zu größeren Teilnehmerzahlen; es herrsche vielmehr Stagnation.

Vor allem mit Blick auf Syrien meinte Rucht: "Die Lage ist sehr verworren, unüberschaubar, und man weiß eigentlich nicht so richtig, auf welche Kräfte man bauen könnte." Zudem sei für viele unklar, was man überhaupt konkret fordern solle, außer einer allgemeinen Waffenruhe. Früher habe man mit einer zwischenstaatlichen Vereinbarung die Situation befriedet. Heute seien viele nicht-staatlichen Kämpfer beteiligt, die die Kriege weiterführten. "Es gibt keine Patentrezepte für den Frieden."

Eine Rolle für eine verbreitete Demonstrationsmüdigkeit zum Thema Frieden spiele zudem die persönliche Betroffenheit. Bei den Protesten gegen die Stationierung von atomar bestückten Mittelstreckenraketen in Europa Anfang der 80er Jahre hätten viele Angst gehabt, es könnten weite Teile Mitteleuropas verwüstet werden. Bei Syrien habe man dagegen das Gefühl, "es sei ein begrenzter Konflikt, auch wenn er in andere Regionen ausstrahlt, aber Europa scheint bislang verschont".