15.04.2016

Mediziner: Soldaten brauchen mehr Aufklärung über Traumatisierungen

Marlene Petermann
epd

Berlin (epd). Bundeswehrsoldaten müssten nach Ansicht eines Experten vor Auslandseinsätzen besser über mögliche Traumatisierungen informiert werden. "Eine Kampagne wäre dringend notwendig", sagte Peter Zimmermann vom Psychotraumazentrum am Bundeswehrkrankenkaus in Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). So eine Initiative sollte umfassend das Bewusstsein für traumatische Erkrankungen schärfen, Soldaten dazu motivieren, ihre Kameraden anzusprechen oder Vorgesetzte animieren, Stigmatisierungsängste zu nehmen. 

Viele Soldaten, die aus Auslandseinsätzen zurückkehrten, zögerten immer noch, über die Folgen unverarbeiteter Traumata zu sprechen, sagte Zimmermann. Zwar gebe es zahlreiche Anlaufstellen in den Bundeswehrkrankenhäusern, Telefonhotlines, Informationsangebote im Internet oder aufbereitete Broschüren für Angehörige. Nachholbedarf sieht der Mediziner aber vor allem in der Prävention, auch wenn in diesem Bereich bereits an verschiedenen Projekten und Weiterentwicklungen gearbeitet werde.

Laut Zimmermann gibt es bislang einzelne Pilotprojekte, um Mitarbeiter beim Sanitäts- oder Kampfmittelräumdienst umfassend auf mögliche traumatische Situationen vorzubereiten. "Das hilft gut, eine psychische Belastung nach Einsätzen zu vermindern", sagte der Mediziner. Für den Sanitätsdienst sei beispielsweise ein computergestütztes Trainingsprogramm entwickelt worden. Der psychologische Dienst arbeite nun daran, ähnliche Programme für die Kampftruppe zur Verfügung zu stellen.

Zimmermann sagte, seit etwa zwei Jahren gebe es einen zunehmenden Behandlungsbedarf posttraumatischer Belastungsstörungen. Einerseits würden sich mehr Soldaten in Therapie begeben, die seit Jahren mit unerkannten Symptomen lebten. Andererseits "kommen auch vermehrt chronifizierte und schwere Fälle, die intensiveren Behandlungsbedarf haben", sagte Zimmermann. Rückkehrer mit einer Traumatisierung würden sowohl stationär als auch ambulant behandelt. In der Regel werde eine Psychotherapie mit einem komplementären Begleitprogramm durchgeführt. Dazu gehörten etwa die Teilnahme an einer Gruppentherapie, Entspannungs- und Bewegungstherapie, Akupunktur gegen Schlafstörungen, Ergo- oder Kreativtherapie.

Wichtig sei, den Patienten auf "verschiedenen Sinnessystemen" anzusprechen. Nicht jeder sei bereit, sofort zu reden, um sich zu stabilisieren, sagte Zimmermann. Nach einer erfolgreichen Therapie seien die behandelten Soldaten oft wieder einsatzbereit. "Wenn jemand vernünftig Therapie gemacht hat, dann hat er gelernt, wie er mit erneuten Traumatisierungen gleich von Anfang an gut umgeht", erklärte der Experte. "Dann hat er einen gewissen Schutz."