23.04.2016

Deutsche Hilfe für Peschmerga

Sebastian Drescher
epd

Erbil (epd). Er verließ das sichere Deutschland, um sich im Nordirak dem Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" zu stellen: Shorsh D. hatte sieben Jahre in Würzburg gelebt, bevor er 2014 nach dem Einmarsch des IS im Irak zurück in die Heimat ging. "Ich komme von der Front in Kirkuk. Unsere Ausrüstung war schlecht, wir mussten sogar unsere Munition selbst bezahlen", erzählt er nun von seinem Einsatz. Jetzt sei er froh, eine neue Waffe und militärisches Training zu erhalten. 

Der 32-jährige Kurde präsentiert die neue Ausrüstung: Schutzweste, Helm, Verbandszeug, Munitionstaschen und Sturmgewehre - alles von den USA bereitgestellt. Für den zehnwöchigen Lehrgang sind die 130 im Nordirak stationierten Bundeswehrsoldaten verantwortlich. Im internationalen Trainingszentrum in Erbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion, leiten sie Gefechtsübungen an. Sie erklären, wie Sprengfallen erkannt werden können und weisen die Kurden in die neue Waffe ein. 

Die Peschmerga-Kämpfer seien sehr motiviert und dankbar, sagt der Kommandeur des deutschen Kontingents in Erbil, Oberst Bernd Erwin Prill: "Sie wissen, dass das Training ihnen hilft, an der Front zu überleben". Insgesamt habe die Bundeswehr bislang 1.800 kurdische Soldaten geschult, die internationalen Truppen zusammen 7.500. 

Sorgen bereitet dem Kommandeur die wirtschaftliche Krise in den kurdischen Gebieten im Irak. Hohe Staatsausgaben, Misswirtschaft und der sinkende Ölpreis haben die Kassen leergespült. Seit vergangenem Herbst kann die Regierung in Erbil die Angestellten im öffentlichen Dienst nicht oder nur noch teilweise bezahlen, seit drei Monaten erhalten die Peschmerga-Kämpfer keinen Sold mehr. Davon betroffen sind auch die Übersetzer für das militärische Training, die deshalb immer wieder ihre Arbeit niederlegen. 

Wie wichtig die Sprachmittler sind, zeigt sich auch im Sanitätszelt auf dem Trainingsgelände. Normalerweise lernen die Peschmerga-Kämpfer hier, wie sie Erste Hilfe leisten und Schusswunden stillen können. "Vielen fehlt es an medizinischen Grundwissen", sagt ein Sanitätssoldat. Anhand von selbst gezeichneten Schautafeln erklären die Deutschen ihren Schülern deshalb auch, wie der menschliche Blutkreislauf funktioniert. Aber wenn die Übersetzer streiken, fällt dieser Teil der Ausbildung flach. 

Andernorts versuchen die Deutschen, aus der Not eine Tugend zu machen und die Peschmerga stärker in ihre Ausbildung einzubinden. Gut, dass mit Shorsh D. ein sprachkundiger Mann zur Stelle ist, der die Anweisungen übersetzt und kurzerhand das Kommando übernimmt. Kurz darauf treibt er einen Zug Kämpfer durch das Gelände, um zu üben, wie ein Verletzter unter Beschuss geborgen werden kann. 

Shorsh D. hat schon einige Kameraden im Stellungskampf an der Front verloren, auch durch Autobomben des IS. Seine Entscheidung hat er trotzdem nicht bereut: "Ich bin hier, um für meine Familie und für Kurdistan zu kämpfen", sagt er. Um sich finanziell über Wasser zu halten, arbeitet er einige Tage pro Monat als Elektriker. Andere fahren Taxi oder betreiben nebenher kleine Geschäfte. Damit die Milizionäre ihren Brotjobs nachgehen können, endet der Ausbildungstag schon nach dem Mittagessen um zwei Uhr. 

Die finanzielle Schieflage sei ein großes Problem, sagt auch Brigadegeneral Holgard Hikmat, Sprecher der kurdischen Streitkräfte. Dass die ausbleibende Bezahlung die Moral seiner Truppe schmälert, glaubt er jedoch nicht: "Es geht um alles. Um unser Überleben und unser Land."

Andere Stimmen klingen weniger optimistisch: Laut der kurdischen Nachrichtenagentur Rudaw warnte der Innenminister der Regionalregierung Karim Sinjari bei einem Besuch Mitte April in den USA vor den Folgen der Finanzkrise. Ein Prozent der Peschmerga hätten wegen des fehlenden Solds ihren Dienst quittiert, sagte er. Falls das Budget-Loch nicht bald gestopft werde, könnte der Anteil noch deutlich ansteigen.