02.04.2015

Christliche Spiritualität als Friedensspiritualität

Christliche Spiritualität kann als Friedensspiritualität begriffen werden, insofern sie eine Geisteshaltung des Auf-dem-Weg-des-Friedens-Seins - mit sich, mit seinen Mitmenschen und der Schöpfung, mit Gott - ist.
Claudia Kuchenbauer
Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern
Eine Gruppe Menschen beobachtet den Sonnenuntergang von einem Berg aus

Mike Piscitelli

Eine Gruppe Menschen beobachtet den Sonnenuntergang von einem Berg aus

02.04.2015
Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern

Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang.“   -   Dr. Martin Luther

Evangelische Spiritualität vollzieht sich im Bewusstsein, auf dem Weg zu sein. Auch Frieden wird heute als ein Prozess verstanden, als Prozess abnehmender Gewalt und zunehmender Gerechtigkeit. Damit wird die untrennbare Verbindung von Frieden und Gerechtigkeit, die schon Basis für biblisches Reden vom Frieden war, neu hervorgehoben. Christliche Spiritualität ist so immer schon Friedensspiritualität, eine Geisteshaltung des Auf-dem-Weg-des-Friedens-Sein - mit sich, mit seinen Mitmenschen und der Schöpfung, mit Gott.

Rückschläge und Enttäuschungen auf dem Weg sind zu erwarten. Auch Unsicherheit und punktuelle Orientierungslosigkeit kennen die Menschen auf dem Weg. Es ist ein spannungsreicher Weg. Christen können ihn im Vertrauen auf die Zusage gehen, dass Gottes Reich schon angebrochen ist. Die dauernde Erfahrung der unerlösten Welt ist uns Aufgabe, kein Grund zum Aufgeben. In der ständigen Antizipation des göttlichen Friedens sind wir zu Friedensstiftern berufen.

Den Weg des Friedens begleitet der Geist der Vergebung.

Wir wissen, dass Menschen schuldig werden. Handlungsentscheidungen und ethische Urteile werden von Perspektiven her getroffen, die nicht unfehlbar sind. Wir sind zur Vergebung aufgerufen und auch selbst auf Vergebung angewiesen, damit Beziehungen auf dem Weg heilen können.

Den Weg des Friedens begleitet der Geist der Gewaltlosigkeit.

Weil Gewalt nur weitere Gewalt gebiert und ins Chaos führt, muss die erste Handlungsoption die der Gewaltlosigkeit sein. In gewaltlosem Einsatz zeigt sich mutiges und kreatives Widerstehen, das neue Ideen für die ungerechte Situation anregt. (vgl. Walter Wink in: Schritte gegen Tritte)

Den Weg des Friedens begleitet der Rückbezug auf das Gewissen.

Es gibt keine Sicherheit über richtiges Handeln auf dem Weg des Friedens, nur die Gewissheit, die aus dem Gespräch mit dem eigenen Gewissen kommt, aus der Verantwortung vor sich und vor Gott. Daher ist das Gewissen besonders zu schützen und zu stärken. Zugleich verweist die Bindung an das Gewissen zurück auf den ersten Aspekt. Das Gewissen kann irren. Auch der Mensch, der an sein Gewissen gebunden ist, weiß sich immer auf Vergebung angewiesen.