Studientag mit kritischen Seitenblicken auf die neue EKD-Friedensdenkschrift

Kritische Seitenblicke auf die neue EKD-Friedensdenkschrift standen im Mittelpunkt des Studientages der Evangelischen Friedensarbeit im Raum der EKD in der Evangelischen Akademie der Pfalz in Landau. Zusammen mit der Akademie, aber auch dem Friedensinstitut der Evangelischen Hochschule in Freiburg und der Friedensakademie Rheinland-Pfalz blickten Theolog*innen, Politik- und Kommunikationswissenschaftler*innen, Journalist*en, Politiker*innen und Friedensfachkräfte aus unterschiedlichen Perspektiven auf diese friedensethische Schrift und ihre Aussagen. Kritisch, nachdenklich, bestätigend, kontrovers und mahnend. Zwei Tage wurde mit Leidenschaft diskutiert und gerungen.

„Diese Denkschrift versteht sich nicht als eine Moralinstanz, sondern sie richtet sich an alle Christenmenschen“, betonte der Bochumer Theologe Dr. Maximilian Schell, einer der Mitautor:innen der Friedensdenkschrift. Die Denkschrift wolle zum Nachdenken anregen und sie habe zu einer neuen Intensität des Streites um den Weg zum Frieden geführt, gab er in Landau zu bedenken. „Sie gibt Denkanstöße, aber auch eine klare verantwortungsethische Position, die zur Gewissensentscheidung von Christenmenschen in Friedensfragen beitragen kann“, war Schell überzeugt.

„Diese Denkschrift argumentiert auf einer christlichen Grundlage und sie ist ökumenisch anschlussfähig“, war auch Dr. Andreas Ohlemacher, Referent beim Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes, überzeugt. Sicher könnte sie die Hoffnung auf Gottes Friedensreich stärker hochhalten und auch mehr biblische Rückkoppelungen bei den ethischen Aussagen beinhalten, dennoch: „Es gibt in dieser Friedensdenkschrift einen differenzierten Blick auf friedensethische Fragen.“

Es handele sich um ein sehr komplexes Dokument für eine komplexe weltpolitische Lage, wo Fragen gestellt und nach Antworten gesucht werde“, gab Professor Dr. Cesare Zucconi, der Vizepräsident der Communitá die Saint´Egidio aus Rom, zu bedenken. „Ich erkenne hier einen Doppelpunkt. Denn es ist eine Debatte nötig in einer Zeit großer Vereinfachungen und von Vereinfachern“, betonte er. Es gebe in der Welt ein großes Verlangen nach Frieden, das oft nicht gehört werde, und die, die sich dafür einsetzen würden, würden als naiv verspottet, mahnte Zucconi in Landau.

„Menschen haben Angst, Menschen brauchen Hoffnung. Eine Ultima ratio für die Gewalt ist verständlich, aber es gibt in der jetzigen Welt kaum noch Ratio. Hier werden die Friedensstifter zu den wahren Realisten“, betonte Cesare Zucconi. Und es sei eine Herausforderung, den Frieden wieder zu rehabilitieren, auch als Kirche. Denn: „Frieden ist immer möglich.“

Und wie sieht das im politischen Diskurs aus? „Diese Denkschrift ist keine Anpassung an den Zeitgeist, sie gibt gute Anregungen für Gewissensentscheidungen“, meinte Dr. Tobias Lindner, bis vor kurzem Staatsminister im Auswärtigen Amt, in Landau. Die Welt habe sich seit 2007, seit der letzten Friedensdenkschrift, verändert. „Diese Denkschrift hätte mir in meiner Amtszeit viel geholfen, auch, weil sie die Dilemmata in der Friedenspolitik klar benennt“, betonte er.

„Wenn sich die Kirche auf die Sicherheitslogik einlässt, dann sollte sie auch die Sicherheitsdilemmata anerkennen“, mahnte Professor Dr. Christoph Weller, Friedens- und Konfliktforscher an der Universität Augsburg. Er bedauere, dass in der Denkschrift nur der Sicherheitslogik etwas Positives abgewonnen werde, Friedenslogik aber kaum vorkomme. Und Weller kritisierte den Titel „Welt in Unordnung“. „Das ist eine westliche Sicht. 1981 oder 2007 bei den anderen Denkschriften war die westliche Welt vielleicht in Ordnung, nicht aber große Teile der Welt. Das ist eine Ignoranz gegenüber der globalen Situation“, so der Konfliktforscher.

Diese Denkschrift wolle anregen zum Denken. Und ein Diskurs in friedensethischen Fragen sei wichtig, gab Dorothee Wüst, die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche der Pfalz, zu bedenken.  „Die Welt hat sich verändert, gut, dass es die Denkschrift nun gibt. Und es ist kein Schlusspunkt, sondern ein Diskursraum“, machte sie deutlich. Sie begrüße daher diese Schrift, auch wenn sie einiges an den Aussagen kritisiere. „Natürlich darf man sich kritisch zu einzelnen Aussagen äußern, aber mir ist wichtig, dass Menschen, die anders darüber denken, nicht der Friedenswille abgesprochen wird“, so die Kirchenpräsidentin.

Und kommt die Botschaft der Denkschrift an? „Es gibt eine Chance, mit Botschaften Menschen zu erreichen. Aber dafür braucht es visuelle Unterstützung, es braucht eine Gruppendifferenzierung, wer erreicht werden soll und es muss die Bereitschaft bestehen, aus den Reaktionen auch zu lernen“, meinte der Düsseldorfer Kommunikationswissenschaftler Professor Dr. Gerhard Vowe. Hier seien Defizite bei der EKD-Friedensdenkschrift festzustellen, bedauerte er und verwies auf eine scheinbare Dominanz eines calvinistischen Bilderverbots in der Denkschrift, ebenso erkannte er eine eher monologische, denn eine dialogische Anlage und eine Unklarheit, wie mit der Resonanz auf die Denkschrift umgegangen werde.

„Dieser Sinneswandel in der EKD hat keine öffentliche Debatte ausgelöst, sondern führte eher zu einer innerkirchlichen Diskussion“, resümierte Luise Meyer vom Deutschlandfunk. Kirche habe an Relevanz in der Gesellschaft verloren. Angesichts einer nachrichtenreichen Woche während der Veröffentlichung sei die Friedensdenkschrift in den Medien in den Hintergrund getreten. „Und für die großen sicherheitspolitischen Debatten kam die Schrift zu spät“, bedauerte sie.

Und wie sieht der Blick der Praxis dazu aus? Es werde über die Denkschrift geredet, das sei eigentlich eine gute Voraussetzung für eine Praxistauglichkeit, meinte Julika Koch, Referentin für Friedensbildung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. „Mein Eindruck ist allerdings, dass sie vor allem für die Politik, für die Militärseelsorge praxistauglich ist“, bedauerte sie. Ihr würden dagegen Aussagen zur zivilen Konfliktbearbeitung fehlen, ebenso der Blick auf die Früherkennung von Gewalt. „Das hätte in der Friedensbildung geholfen“, betonte sie.

Im politischen Berlin werde da, wo die Denkschrift wahrgenommen werde, sehr breit über die Inhalte diskutiert, gab Thomas Krüger, langjähriger Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, zu bedenken. „Ich habe das Gefühl, dass die Denkschrift durchaus als Gestaltungsanspruch der evangelischen Friedensethik verstanden wird“, äußerte er sich überzeugt. Allerdings wirke die Denkschrift weniger in die Breite der Gesellschaft, obwohl sie einen breiten Diskursraum aufmache. „Hier wäre noch viel Luft nach oben“, betonte Krüger und verwies auf die Möglichkeit, Influencerinnen und Influencer hier einzubeziehen.

„Wir leben in dramatischen Zeiten, es ist nicht einfach, Fragen nach dem Frieden zu beantworten“, gab der EKD-Friedensbeauftragte, Landesbischof Friedrich Kramer, zu bedenken. Die Denkschrift bleibe dem Leitbild des Gerechten Friedens verpflichtet, das sei wichtig. „Und ich glaube, diese Denkschrift wird helfen, dass wir miteinander über den Frieden ins Gespräch kommen“, war er überzeugt.