Ökumenischer Friedensdialog in Osnabrück: Kleine Friedensschritte sind im Nahen Osten wichtig und notwendig
Ein umfassender Frieden im Nahen Osten scheint angesichts von Gewalt und permanenter Bedrohung wie auch der Gefahr, dass die Konflikte und Kriege sich ausweiten könnten, derzeit in weiter Ferne zu liegen. Doch trotz dieser schwierigen Lage sind viele kleine Schritte zu einem friedlicheren Miteinander wichtig und notwendig. Dies unterstrichen alle Gesprächsteilnehmerinnen und -teilnehmer beim 5. Ökumenischen Friedensdialog in Osnabrück.
„Kleine Schritte sind mühselig, aber doch so bedeutend“, machte der Paderborner Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz, der Vorsitzende der Deutschen Kommission Justitia et Pax, deutlich. Auch wenn Dialoge schwer geworden seien, so müsse behutsam versucht werden, wieder ins Gespräch zu kommen. „Mitten im Krieg, mitten in der Gewalt kann man anfangen, Friedensschritte zu gehen, die nicht wirkungslos sind. Es sind kleine Pflänzchen, die gepflegt werden müssen“, so der Erzbischof.
Dies unterstützte Landesbischof Friedrich Kramer, der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). „Auch wenn es offensichtlich schwierig ist, kleine Schritte sind nötig. Doch dabei braucht es auch die große Friedensperspektive als Bild, damit die kleinen Bilder des Friedens sichtbar werden“, machte er deutlich. Für ihn ist klar: „Frieden auf Erden ist nicht utopisch, nicht ortlos. Christinnen und Christen haben diese Hoffnung auf Frieden auf Erden.“
Diese kleinen Schritte wollte auch Dr. Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik nicht verkennen. „Waffenstillstände haben nicht dazu geführt, dass die Waffen schweigen. Aber die Gewalt ist gesunken und die letzten Geiseln sind freigekommen. Das ist schon ein Fortschritt, doch von einem Friedensabkommen sind wir noch weit entfernt“, gab sie zu bedenken. Dennoch: „Wir dürfen auch kleine Fortschritte nicht ignorieren“, meinte sie überzeugt.
„Wenn man so viel Gewalt erlebt hat wie im Nahen Osten, dann gibt es nur noch verschwommene Vorstellungen von Frieden. Wir haben uns leider an den Krieg gewöhnen müssen“, bedauerte Shira Barbitay-Shaham, die zu Fragen der nationalen Sicherheit und Gewaltexzessen wie den am 7. Oktober forscht. Vielen Menschen falle es schwer, sich einen dauerhaften Frieden für Israel und die Nachbarn vorzustellen, gab sie zu bedenken. Dennoch gebe es auch in Israel Menschen, die selbst in den finstersten Tagen des Krieges an einem Dialog festgehalten hätten. „Es waren gerade Frauen, während die Männer im Krieg waren und im Kriegskabinett auch nur Männer sitzen. In der Zivilgesellschaft entstanden viele neue Organisationen, die von Frauen geleitet werden und die andere Perspektiven aufzeigen“, unterstrich Barbitay-Shaham.
Dennoch: „Wir sind in Israel in einem Überlebensmodus, es gibt seit Jahren einen Zyklus der Gewalt und wir konzentrieren uns auf das Überleben“, machte sie genauso deutlich. Wenn es weniger Gewalt geben würde, dann würden die Menschen vielleicht verstehen, dass es keine militärische Lösung für den Konflikt geben könne, so die Hoffnung der israelischen Wissenschaftlerin.
Auf die „Schwerkraft der Gewalt“ machte dabei Erzbischof Udo Markus Bentz aufmerksam. „Gewalt zieht nach unten, und es kostet immer mehr Kraft, sich dieser Schwere der Gewalt zu entziehen und sich dagegen zu stemmen. Selbst kleine Schritte werden schwer“, gab er zu bedenken. So könnten sich Maßstäbe von Gewalt verschieben, was auch dazu führe, dass Dialogversuche verächtlich gemacht würden. „Natürlich wird es dadurch immer schwerer, Menschen zu finden, die sich dem stellen, Israelis wie Palästinenser, befürchtete er. „Auch in der alltäglichen Sprache wird schon Gewalt ausgeübt. Damit anzufangen, das zu ändern, wäre ein erster Schritt“, so Erzbischof Bentz.
Es brauche einen gerechten Frieden, war Landesbischof Friedrich Kramer in Osnabrück überzeugt und verwies auf Dietrich Bonhoeffer, der betont hatte, dass Frieden nicht auf dem Weg der Sicherheit zu erreichen sei, sondern gewagt werden müsse. „Gemäß den vier Dimensionen des gerechten Friedens muss die Gewalt gemindert werden, die Freiheit für alle gleich sein, die Not gelindert werden und eine friedensfördernde Pluralität entstehen“, war er überzeugt. Und das Wichtigste: „Wir müssen wegkommen von einem rein militärischen Denken“, so der EKD-Friedensbeauftragte.
Hier sah Muriel Asseburg durchaus auch eine wichtige Aufgabe für die Kirchen. „Ich bin froh, dass die Kirchen sagen, dass es keine nachhaltige Sicherheit mit rein militärischen Ansätzen geben kann und dass die Sakralisierung territorialer Ansprüche zurückgewiesen wurde“, betonte sie. Es sei wichtig, dass Kirche klare Worte bei Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen finde, das könne Menschen Orientierung geben, war die Politikwissenschaftlerin überzeugt.
Hoffnung setzten alle auf die kommenden Knesset-Wahlen in Israel. „Vielleicht kann es nach dieser Wahl kleine Schritte geben“, so Erzbischof Bentz. Und auch Shira Barbibay-Shaham wollte die Bedeutung der Wahl nicht unterschätzen. „Israel ist gespalten, auch die Demokratie ist bedroht. Die Wahl wird nicht die Zeit vor dem 7. Oktober wiederherstellen, aber eine neue Regierung könnte auf das Militär einwirken“, meinte sie. Und Muriel Asseburg gab ihrer Hoffnung Ausdruck: „Wir brauchen jetzt Anstöße für einen neuen Prozess. Vielleicht kann dies eine Regierung leisten, die stärker auf Diplomatie setzt.“
Und auch das Festhalten an einer Zweistaatenlösung wurde in Osnabrück betont. „Es geht um ein Existenz-, ein Selbstbestimmungs- und ein Selbstgestaltungsrecht für beide Seiten“, machte Erzbischof Udo Markus Bentz deutlich. Muriel Asseburg sah die Notwendigkeit eines Selbstbestimmungsrechts für beide Völker in Würde, auch wenn derzeit der politische Wille dazu nicht erkennbar sei. Und Shira Barbibay-Shaham gab sich überzeugt: „Israelis wie Palästinenser müssen ein Leben in Würde führen können. Es ist wichtig, dass beide Seiten einander leben lassen für eine sichere Zukunft.“
„Sicherheit um jeden Preis? Der Nahost-Konflikt als friedensethische Herausforderung“, das war das Thema des 5. Ökumenischen Friedensdialogs, zu dem seit 2021 die Deutsche Kommission Justitia et Pax und die Evangelische Friedensarbeit jährlich wechselnd nach Münster und Osnabrück einladen - in die beiden Städte, in denen das Ende des Dreißigjährigen Krieges angebahnt wurde. „Hier wurde verhandelt, was unverhandelbar erschien“, so Wolfgang Beckermann, der Erste Stadtrat und Kulturvorstand der Stadt Osnabrück.
Der 5. Ökumenische Friedensdialog zum Nachhören: https://www.youtube.com/watch?v=hOHBf89LJcg