Friedenskongress: Die Realität der EKD-Friedensdenkschrift und Gottes Wirklichkeit

Wurde die neue EKD-Friedensdenkschrift wegen ihres angeblichen Realismus von der Öffentlichkeit sehr gelobt, so warnte ein dreitägiger Friedenkongress „Böse von Jugend auf – Realismus in der Friedensfrage“ der in der Woltersburger Mühle bei Uelzen zusammenkam, davor, die Wirklichkeit Gottes zu ignorieren, der trotz der schonungslosen Wahrnehmung von Unrecht und Bosheit weiter Hoffnung in die Menschen setze.

„Gott überlässt die Welt nicht sich selbst“, unterstrich Professor Dr. Klara Bütting von der Woltersburger Mühle beim Friedenskongress. In der Sintflutgeschichte des Alten Testamentes sage Gott, dass die Planungen der Menschen böse seien von Jugend auf. Müsse sich dann nicht die Friedens- und Sicherheitspolitik dieser Realität anpassen? „Nein“, machte dazu Klara Bütting deutlich. Denn gerade die Flutgeschichte der Bibel zeige, dass Bosheit nicht die Kraft habe, die Zuwendung Gottes zu zerstören. „Deshalb kann die Bibel nicht zur Rechtfertigung beim Mitmachen von Gewalt dienen. Im Gegenteil: Gott geht in diese kaputte Welt und sucht Wege mit den Menschen“, betonte sie und bedauerte, dass dies in der Friedensdenkschrift nicht wahrgenommen werde.

Dabei kritisierte sie auch das Wort der unerlösten Welt. „Es gibt für Gott kein Reich des Bösen mit eigenen Gesetzen, sondern Gott kommt in diese Welt“, unterstrich sie in einer Bibelarbeit. Gott gehe in die Konflikte dieser Welt, um Lösungen zu finden. Dazu gehöre die Einbindung der Mächtigen in Recht, und Menschen, die die Mächtigen kritisch begleiten würden. „Gott ist an unserer Seite, wenn wir gegen die Gewalt in der Welt aufstehen. Gerade auch dann, wenn Veränderungen unmöglich erscheinen und alles alternativlos erscheint“, machte Klara Butting Mut.

Doch wie sieht die Realität der Welt aus, die von der Kirche wahrgenommen werden soll? „Wir haben es mit einem totalen Bruch der internationalen Ordnung zu tun und diese Ordnung wird auch nicht mehr zurückkommen. Und eine neue Weltfriedensarchitektur, die den Namen Frieden verdient, ist nicht erkennbar“, machte Professor Dr. Cornelia Füllkrug-Weitzel unmissverständlich deutlich. Alle Säulen der bisherigen Ordnung seien eingestürzt, es herrsche wieder Großmachtdenken, die Vereinten Nationen würden zerstört, der Multilateralismus sei am Ende, die UNO sei bald zahlungsunfähig, die Unterstützung der Ärmsten in der Welt würde eingestellt und Frieden gebe es nur noch als Klub-Benefit wie dem Friedensboard des US-Präsidenten, der die Spielregeln nach eigenem Gutdünken diktiere, warnte die langjährige Präsidentin von Brot für die Welt.

Hier bräuchte es neue Allianzen, variable Koalitionen und auch Kooperationen von Mittelstaaten unter Einbindung des globalen Südens zur Lösung dringender Probleme der Welt, forderte Cornelia Füllkrug-Weitzel. „Ziel muss es sein, auf der Grundlage der Reste der UNO eine neue umfassende, internationale Friedensordnung zu errichten“, gab sie zu bedenken. Auch sei es dringend erforderlich, angesichts einer drohenden nuklearen Rüstungsspirale und eines multipolaren Nuklearzeitalters Allianzen zu knüpfen, um dagegen aufzustehen. „Dies wäre auch eine Aufgabe für die Friedensbewegung“, so Füllkrug-Weitzel.

Doch was sagt die neue EKD-Friedensdenkschrift dazu? „Die Friedensdenkschrift will keine fertigen Antworten und keine Patentrezepte liefern, sondern Fragen neu stellen, die eigenen Positionen prüfen und das Gewissen schärfen“, betonte Renke Brahms, der langjährige EKD-Friedensbeauftragte. Er freue sich dabei über Kontinuitäten zur Friedensdenkschrift von 2007, so beim Leitbild des Gerechten Friedens und des Vorrangs der Gewaltfreiheit. „Man kann, wenn man die neue Denkschrift liest, durchaus Dinge würdigen, auch gibt es deutlichere Akzentuierungen zu Themen, die 2007 noch nicht so im Blick war wie Klimagerechtigkeit, Fragen nach Cyber und hybriden Kriegen“, so Brahms. Allerdings habe er den Eindruck, dass die Denkschrift von 2007 auch heute noch für Beurteilungen von friedensethischen und friedenspolitischen Zusammenhängen ausreichen würde und es eigentlich nur ein Papier zu neuen Herausforderungen bedurft hätte, gab der frühere EKD-Friedensbeauftragte zu bedenken.

Und er erkannte fünf Weichenstellungen, die in der EKD Akzente verschieben würden. So würde bei den Grundüberzeugungen des christlichen Glaubens, die in der Denkschrift genannt würden, die Bereiche Versöhnung und Vollendung fehlen. „Wir leben aber in der Realität des versöhnenden Handelns Gottes in Jesus Christus. Das ist Gottes Realität“, bedauerte Brahms. Auch werde bei den Dimensionen des Gerechten Friedens dem Schutz vor Gewalt Vorrang eingeräumt, ohne zu erkennen, dass es auch politische Situationen geben würde, bei denen andere Dimensionen wichtiger seien.

Kritisch sah Renke Brahms ebenso den Umgang mit Pazifismus, der lediglich als Ausdruck gelebter Frömmigkeit ins Private verschoben werde, während eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Pazifismus-Formen nicht stattfinde. „Hier lässt die Denkschrift eine Riesenchance aus“, mahnte der frühere EKD-Friedensbeauftragte. Schließlich fehle die Zivile Konfliktbearbeitung völlig in der Denkschrift, als sei seit 2007 hier nichts mehr passiert. „Dabei gibt es zahlreiche Forschungen und Expertisen, das ist eine Leerstelle in der Denkschrift“, so Brahms. Und in der Frage der Nuklearwaffen sei die Denkschrift widersprüchlich und inkonsequent. „Ich halte es für hochgefährlich, von einem Nuklearpazifismus abzurücken“, betonte er.

Gerade die Frage nach dem Pazifismus in der Denkschrift kritisierte auch der jetzige EKD-Friedensbeauftragte, Landesbischof Friedrich Kramer. Dieser werde in der Denkschrift mehr in den privaten Bereich überführt, werde aber als die Welt betreffende Theorie ignoriert. „Dem möchte ich gerne widersprechen“, so Kramer.

Aus dem Evangelium wisse man, dass die Jünger Jesu bewaffnet gewesen seien. „Doch Jesus hat es geschafft, diese Männer vom Weg der Gewalt abzubringen“, betonte der Landesbischof. In der alten Kirche sei klar, dass Christen keine Soldaten sein konnten, allerdings seien Soldaten wie der Hauptmann von Kapernaum integriert worden. In der Geschichte sei die Gewalt zwar immer mehr zur staatlichen Aufgabe geworden, nach dem Zweiten Weltkrieg hätte die UN in ihrer Charta aber eine pazifistische Weltordnung entworfen, in der Gewalt bei Auseinandersetzungen zwischen Staaten keine Rolle mehr spielen dürfe, Gewalt und Krieg generell verboten werde und nach gewaltfreien Lösungen gesucht werden müsse. „Doch wir wissen, dies ist eine rechtliche, keine reale Situation“, so der EKD-Friedensbeauftragte.

Denn derzeit würde die Welt erleben, was die Denkschrift als die „Wucht des Tötens“ eindrucksvoll beschreibe, mahnte Friedrich Kramer. Fürchterliche Videos würden dies veranschaulichen, doch sie würden kaum gezeigt, weil diese alle sofort zu Pazifisten machen würden, gab der Landesbischof zu bedenken. „Denn die Plausibilität der Kriegsführung ist mit Ende des 19. Jahrhunderts vorbei. Das ist brutales industrielles Töten ohne Pause und hat nichts mehr mit gerechtem Krieg und Feld der Ehre zu tun“, so der EKD-Friedensbeauftragte.

Doch solle deswegen jetzt die internationale Rechtsordnung mit dem Strafgerichtshof über den Haufen geworfen werden, weil es keinen Sinn mache und diese Ordnung von Mächtigen in Frage gestellt werde? „Nein. Gerade jetzt braucht es Menschen, die da Nein sagen. Auch wenn diese Ordnung von Mächtigen in Frage gestellt wird, heißt es doch nicht, dass das nicht mehr gilt, weswegen eine pazifistische Position weltwirksam ist“, unterstrich Landesbischof Kramer mit Nachdruck.

Doch wie nun weiter? Die Friedensvisionen der Bibel wieder neu entdecken, hält Renke Brahms hier für wichtig und sinnvoll. „Friedensvisionen spielen eine große Rolle in der Bibel, sie sind keine Utopie“, betonte der ehemalige EKD-Friedensbeauftragte. Und weiter: „Sie bilden die prophetische Antwort auf eine konkrete Bedrohung, politische Fehlentscheidungen und soziale Verwerfungen. Sie sind Gegenrede gegen eine Realpolitik, die nur auf militärische Stärke und Bündnisse setzt, aber die gesellschaftlichen und sozialpolitischen Verwerfungen aus dem Blick verliert.“

Er bedauere, dass die Friedensdenkschrift wenig Visionäres enthalte. Dabei sei Prophetie und Vision der Auftrag der Kirche, machte Renke Brahms deutlich. „Prophetie öffnet den Horizont der gegenwärtigen Situation, ruft zur Umkehr, ist ein Protest gegen die Verhältnisse, wie sie sind“, betonte er und unterstrich, dass Friedensvisionen Bilder der Hoffnung und nicht der Ängste vermitteln würden, womit sie eine kreative Unruhe auslösen könnten. „Sie inspirieren kleine Schritte, die ein Fenster aufmachen und nötig sind für große Sprünge“, so Brahms.