ZDF-Vize Theveßen: "Es gibt keinen Kampf der Kulturen"
Bamberg (epd). Die von Rechtspopulisten betriebene Polarisierung der Gesellschaft ist nach Ansicht des TV-Journalisten und Terrorismusexperten Elmar Theveßen Wasser auf die Mühlen der Islamisten. Diese versuchten nicht mehr mit großen Anschlägen, sondern mit vielen kleinen Attacken Furcht und Panik auszulösen, sagte der stellvertretende ZDF-Chefredakteur und Leiter der Hauptredaktion Aktuelles Theveßen am Samstag beim Neujahrsempfang des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick. Allen, die die Gesellschaft spalten und ihr Angst einreden wollten, müsse als Signal entgegengeworfen werden: "Ich habe keine Angst", sagte der Experte.
Theveßen sprach in der Kongresshalle vor 1.300 Gästen, darunter Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, Gesundheitsministerin Melanie Huml und Bundestagsvizepräsident Hans-Peter Friedrich (alle CSU). Theveßen ist überzeugt, dass es keinen "Kampf der Kulturen" gebe, sondern Extremisten auf islamistischer und rechter Seite, die der Mehrheitsgesellschaft so einen Kampf einreden wollten. Muslimische Rechtfertigung für Gewalt sei durch eine Verfälschung des Islam entstanden. Koran-Ausgaben mit entsprechenden Interpretationen in den Fußnoten würden heute weltweit in den Moscheen verbreitet.
Ein fruchtbarer Boden für eine solche islamistische Ideologie sei auch in Deutschland vorhanden, die Anstrengungen der Gesellschaft müssten sich daher in erster Linie um Prävention und Deradikalisierung drehen. Die meisten der in Europa bisher aktiv gewordenen Terroristen seien "nicht als Flüchtlinge nach Europa gekommen", sondern in europäischen Ländern aufgewachsen und hätten EU-Staatsbürgerschaften. Zugleich würden die Rechtsextremen wegen einer angeblichen "Kollaboration des Establishments" und der Kirchen mit dem Islam ein "Widerstandsrecht" mit allen Mitteln für sich reklamieren. Die Werte der Demokratie würden hier missbraucht, um die Demokratie anzugreifen, sagte Theveßen.
Erzbischof Ludwig Schick bezeichnete Krieg und Terror als größte Bedrohungen für die Kultur. Alle Bereiche der Kultur in Europa seien vom Geist des Evangeliums geprägt. "Den Terrorismus bekämpfen ist ein Auftrag für jeden, der kulturelles Leben erhalten und fördern will, und die Kultur fördern ist ein wesentlicher Beitrag, um Terrorismus zu verhindern", sagte der Erzbischof. Das neue Jahr soll im Erzbistum ganz im Zeichen der Kultur stehen, kündigte Schick an - in enger Verbindung mit dem Europäischen Jahr des kulturellen Erbes sowie mit dem Jubiläum "25 Jahre Unesco-Weltkulturerbe Bamberg".