Zarte Momente im brutalen Krieg

Köln (epd). Mitten im Krieg genossen das kleine Mädchen und ihre Freunde einen ruhigen, sonnigen Wintermorgen. Anja Niedringhaus beobachtete die Kinder beim Schlittenfahren, während sie einen Hügel oberhalb der umkämpften bosnischen Stadt Sarajewo erklomm. Nur wenige Minuten später lag die kleine Emina umringt von ihrer Familie blutend am Boden. Sie war tödlich von einem Granatsplitter getroffen worden. Es sind solche bewegenden Momente am Rande des eigentlichen Kriegsgeschehens, die Anja Niedringhaus auf vielen ihrer Fotos festhielt.

Vor allem Menschen und ihre Schicksale interessierten die Fotografin, wenn sie aus Kriegsgebieten berichtete. "Sie wollte die Realität des Krieges festhalten", sagt Sonya Winterberg, Kuratorin der Ausstellung "Anja Niedringhaus. Bilderkriegerin", die bis zum 30. Juni im Käthe Kollwitz Museum zu sehen ist. Die Fotografin selbst beschrieb es einmal so: "Unsere Arbeit zeigt der Welt, wie ein Krieg oder Konflikt wirklich aussieht, wie es für die Opfer ist."

Am 4. April 2014 fiel Niedringhaus, deren Fotos laut Winterberg weltweit in fast 900 Zeitungen erschienen, selbst dem Krieg zum Opfer. Bei der Berichterstattung über die Präsidentschaftswahlen in Afghanistan wurde die 48-Jährige von einem Attentäter erschossen. Sie hinterließ ein umfangreiches Werk, aus dem das Käthe Kollwitz Museum nun erstmals seit ihrem Tod eine Retrospektive von rund 100 Arbeiten zeigt.

Über 25 Jahre hatte die Fotografin von Kriegsschauplätzen der Welt berichtet, unter anderem aus dem Balkan, dem Irak und aus Afghanistan. Die Ausstellung beginnt mit einer Fotografie von einer privaten Reise nach Kolumbien, die sie selbst als erste professionelle Arbeit ihrer Karriere betrachtete und selbst mit den Worten "Der Anfang" beschriftete. Zu sehen sind auch ihre letzten Aufnahmen, die sich auf ihrer Kamera befanden, als sie getötet wurde.

Dazwischen liegt ein dichtes, berührendes Werk. Niedringhaus fängt Momente ein, die die absurde Realität des Krieges plötzlich greifbar nah machen. Da zeigt sie zum Beispiel Serbenführer Radovan Karadzic, wie er 1996 am orthodoxen Ostergottesdienst teilnimmt: Ein jovial lachender Mann, der augenscheinlich ganz mit sich im Reinen ist. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde der mittlerweile verurteilte Karadzic aber vom UN-Kriegsverbrechertribunal gesucht.

Aus der Presse bekannt sind vor allem Niedringhaus' Fotos vom Kriegsgeschehen: Gefechte oder verwundete Soldaten. Ein besonderes Auge hatte die Fotografin aber auch für die Menschen, die mit dem Krieg leben müssen. "Es ging ihr immer um die Menschen", sagt Niedringhaus' Kollegin Kathy Gannon, die mit der Fotografin in Afghanistan unterwegs war und bei dem tödlichen Attentat auf sie verletzt wurde. "Das Bemerkenswerte an Anja Niedringhaus' Arbeit war, dass sie in die Seele der Menschen schauen konnte."

Vor allem die unschuldigsten Opfer des Krieges, die Kinder, lichtet Niedringhaus immer wieder ab: Afghanische Mädchen und Jungen beim Ballspiel, Kinder auf einem Hügel über Kabul, die Drachen steigen lassen. "Wir sehen die zartesten Momente in den brutalsten Situationen und nehmen sie auf", erklärte Niedringhaus selbst. Besonders bewegend ist das Foto eines kleinen Jungen, der einem bewaffneten Soldaten gegenübersteht und sich die Ohren zuhält - vermutlich, um die Schüsse nicht hören zu müssen.

Niedringhaus schlüpft ebenso in die Rolle der Frauen. In Afghanistan fotografiert sie durch den vergitterten Sehschlitz einer Burka hindurch. Ein Foto von bettelnden Frauen in Kandahar wirkt mit seinen verschwimmenden Grau-Blau-Tönen fast wie ein Gemälde. "Anja Niedringhaus war ein Ausnahmetalent. Man kann vielen ihrer Bilder auf den ersten Blick tatsächlich nicht anmerken, ob sie fotografiert oder gemalt sind", sagt Winterberg. Oft wirken die Fotos wie komponiert. Dabei habe Niedringhaus niemals gestellte Fotos geschossen, betont Winterberg. Zudem seien die Bilder auch nur minimal nachbearbeitet worden. Lediglich bei der Helligkeit habe Niedringhaus hin und wieder nachgebessert.

Niedringhaus machte sich zwar vor allem einen Namen als Fotografin auf Kriegsschauplätzen. Mindestens genauso viele Fotos habe sie aber von Sportereignissen geliefert, sagt Winterberg. Regelmäßig habe sie etwa bei den Tennisturnieren in Wimbledon oder den Olympischen Spielen fotografiert. "Sie hat sich selbst nie als Kriegsfotografin gesehen", sagt Winterberg.

Die in Höxter geborene Fotografin hatte ihre Karriere als freie Mitarbeiterin bei Lokalzeitungen begonnen, bevor sie 1989 ihren Durchbruch mit Fotos vom Fall der Berliner Mauer hatte. Anschließend arbeitete sie als fest angestellte Fotografin weltweit für verschiedene Agenturen. Niedringhaus' Arbeiten wurden vielfach ausgestellt. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 2005 als erste deutsche Fotografin den in den USA vergebenen Pulitzer-Preis, eine der international begehrtesten Auszeichnungen für Fotografen und Journalisten.