"Wir dürfen nicht vergessen"

Stuttgart/Tübingen (epd). Vor 70 Jahren wurde Theodor Heuss (1884-1963) der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Bereits drei Monate nach seiner Wahl hält er eine programmatische Rede: "Das scheußliche Unrecht, das sich am jüdischen Volk vollzogen" habe, müsse "zur Sprache gebracht" werden. Zwar gehe es ihm nicht darum, pauschal bei jedem, jeder Deutschen Schuldgefühle zu erwecken, deshalb lehne er den Begriff "Kollektivschuld" ab. 

Aber "so etwas wie eine Kollektivscham" sei aus dieser Zeit gewachsen. "Wir dürfen nicht einfach vergessen, dürfen auch nicht Dinge vergessen, die die Menschen gerne vergessen möchten, weil das so angenehm ist. Wir dürfen nicht vergessen die Nürnberger Gesetze, den Judenstern, die Synagogenbrände, den Abtransport von Jüdischen Menschen in die Fremde, in das Unglück, in den Tod." 

Heuss widerlegt damit die These, vonseiten der Politik habe es im Deutschland der Fünfzigerjahre noch keine selbstkritische Auseinandersetzung mit den Verbrechen der NS-Zeit gegeben, schreibt der emeritierte katholische Theologieprofessor Karl-Josef Kuschel (Tübingen) in seinem neu erschienenen Buch "Antisemitismus und Deutsche Demokratie. Theodor Heuss und seine ?Feldzüge gegen das Vergessen?" (Patmos-Verlag Ostfildern). 

Seit Beginn seiner Amtszeit triebt Heuss die Sorge um, dass die Deutschen "zu rasch vergessen wollen" so Kuschel. Deshalb setzt er sich für eine selbstkritische "Vergangenheitspolitik" und eine demokratische Erinnerungskultur ein und prägt damit den Begriff vom "Feldzug gegen das Vergessen".  

Heuss selbst hatte viele jüdische Freunde und verhält sich ihnen gegenüber auch in finsterer Zeit solidarisch. In der NS-Zeit wird der Publizist und liberale Politiker politisch kaltgestellt, unter anderem wird sein Reichtagsmandat aberkannt. Mehrfach wurde er von der Gestapo wegen seines "Verkehrs mit Juden" vorgeladen. 

Nach dem Krieg drängt Heuss Kanzler Konrad Adenauer zu einer Regierungserklärung, in der er im September 1951 Israel eine "Wiedergutmachung" in Aussicht stellt. Außerdem setzt er sich für den Wiederaufbau der berühmten Wormser Synagoge ein - auch wenn dieser erst 1959 realisiert wird und die Kirchen, die Heuss bei der Unterstützung des Aufbaus im Boot haben wollte, ihre Chance verpassen und sich nicht daran beteiligen. 

Auch wenn Heuss kein Theologe war, steht ihm doch klar vor Augen, dass die christlichen Kirchen jahrhundertelang eine fatale Enterbungstheologie gegenüber dem Judentum betrieben haben, eine der Wurzeln dafür, warum sich das Verbrechen am jüdischen Volk hinter dem Rücken der Kirchen abspielen konnte, so Kuschel. Indem die Kirche die Synagoge beerbt und überbietet, hatte sie sich an die Stelle Israels gesetzt - mit geschichtlich verhängnisvollen Folgen für das gesamte jüdische Volk. 

70 Jahre erster Bundespräsident, 70 Jahre Grundgesetz, und der Antisemitismus ist noch längst nicht besiegt - im Gegenteil: Laut einer Umfrage der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2018 haben 85 Prozent der 16.000 Befragten den Eindruck, dass der Antisemitismus in den letzten fünf Jahren in Europa zugenommen hat. 28 Prozent der Befragten europäischen Juden wurden 2018 mindestens einmal belästigt, 38 Prozent haben eine Auswanderung in Erwägung gezogen, da sie sich als Juden in Europa nicht sicher fühlen.

Auch heute bleibt es nötig, dass Bundespräsidenten "Feldzüge gegen das Vergessen" führen. So sagte Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit in Nürnberg am 10. März 2019: "Wir wollen uns nicht daran gewöhnen, dass Synagogen für immer und ewig von der Polizei geschützt werden müssen. Und wir wollen es nicht hinnehmen, wenn jüdische Mitbürger zum Ziel von Hass und Herabwürdigung werden. [?] 

Diese Gesellschaft, wenn sie bleiben will, was sie ist, muss sie sich wehren gegen jede Form von Antisemitismus: Gegen den alten wie den neuen, den lauten wie den leisen, den linken wie den rechten, gegen den in Springerstiefeln genauso wie gegen den in Nadelstreifen! Nichts davon darf Platz haben in unserer Gesellschaft."