Willi Lemke: Olympia-Medaillen werden politisch überbewertet

Brüssel/Bremen (epd). Der Sport-Diplomat Willi Lemke hat davor gewarnt, Olympiasiege und andere sportliche Erfolge mit dem Land des Sportlers zu identifizieren. "Gerade autoritäre Führer freuen sich über Goldmedaillen", sagte der UN-Sonderberater für Sport im Dienst von Frieden und Entwicklung dem Evangelischen Pressedienst (epd). Es sei aber falsch zu glauben, "dass Goldmedaillen Kennzeichen für eine besonders gut funktionierende Gesellschaft sind. Viel wichtiger ist, dass man die Menschenrechte achtet und die Umwelt schützt, und wie man mit Minderheiten oder mit Menschen mit Behinderung umgeht", sagte Lemke unmittelbar nach seiner Rückkehr von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro nach Bremen.

Dass die Spiele in Rio durch die Idee des Olympischen Friedens irgendwo auf der Welt Kriege oder Bürgerkriege auch nur zeitweise stoppen können, glaubt der Diplomat nicht. Die Affäre um das Doping russischer Sportler habe zudem dazu geführt, "Menschen auseinanderzudividieren". Doping sei völlig unakzeptabel und alle Schuldigen, egal ob Athleten, Sportfunktionäre oder Politiker, müssten konsequent bestraft werden. Nicht nur russische Sportler nutzten Doping, doch gerade bei Russland werde das Phänomen auch "als Mittel genutzt, um zu pauschalisieren und zu politisieren", sagte Lemke.

Der ehemalige Manager des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen und frühere Bremer Senator, der an diesem Freitag seinen 70. Geburtstag feiert, wurde 2008 in sein Amt bei den Vereinten Nationen berufen. Noch bis zum Jahresende soll das SPD-Mitglied als Sonderberater den Sport als Mittel für Frieden und Entwicklung fördern. Lemke repräsentiert die Vereinten Nationen auch bei internationalen Sportereignissen wie Olympia.

Generell könne der Sport Konflikte entschärfen helfen, etwa durch gemeinsame Wettkämpfe und indem Kinder lernten, mit Niederlagen umzugehen statt aggressiv zu werden, urteilt Lemke. "Im Nahen Osten gibt es viele Projekte, wo israelische und palästinensische Kinder zusammengeführt werden beim Sport." Auch zwischen Nord- und Südkorea bilde der Sport eine Brücke der Kommunikation, an der er selbst mitgebaut habe, machte der Diplomat klar.

Für dringend nötig hält Lemke, den Sport in allen Entwicklungsländern im Schulunterricht zu verankern. Dort gebe es häufig überhaupt keinen Schulsport, obwohl er wichtige Fähigkeiten vermittle. "Beim Sport kann man erfahren, dass es wichtig ist zu trainieren, um Erfolg zu haben. Das ist eine Erziehung zur Entwicklung, weil ich lerne zu lernen."