"Wegsehen ist Gift für die Demokratie!"
Stuttgart/Bonn/Berlin (epd). "Wegsehen ist Gift für die Demokratie", schreibt der Herausgeber von "Nie wegsehen! Vom Mut, menschlich zu bleiben" (Dietz-Verlag, Bonn) Harald Roth - und lässt in seinem neu erschienenen Sammelband prominente Stimmen zu Wort kommen.
"Hinsehen, wahrnehmen, empören, handeln!" Dieser vierfache Imperativ, den der Historiker Peter Steinbach in dem Sammelband als Konsequenz seiner Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus bezeichnet, passt auch auf den Umgang mit Antisemitismus heutzutage:
Denn laut dem Antisemitismusbeauftragten der baden-württembergischen Landesregierung, Michael Blume, steckt "der Antisemitismus immer noch im Gewebe unserer Gesellschaft und unserer Psyche". Antisemitismus treffe nicht nur Jüdinnen und Juden. Der Verschwörungsglaube, der mit dem Antisemitismus eng verwoben ist, könne letztlich alle freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien und deren Vertreter treffen.
Der Verschwörungstheorien-Experte Michael Butter rät, bereits in der Schule jungen Menschen über Verschwörungstheorien aufzuklären. Im Rahmen einer speziellen Unterrichtseinheit an weiterführenden Schulen könnten Menschen mit Argumenten erreicht werden, bevor sie mit Verschwörungstheorien in Kontakt kommen. Wichtig sei dabei, dass den Schülern Medienkompetenz, historisches Wissen sowie psychologische und soziologische Kenntnisse vermittelt werden. Ein solcher Unterricht würde das Problem nicht lösen, aber helfen, deren teilweise problematische Effekte einzudämmen, ist der Leiter eines Forschungsprojekts zu Verschwörungstheorien überzeugt.
Der Vorsitzende des Zentralrates der Sinti und Roma, Romani Rosi (Heidelberg) warnt davor, den Antiziganismus aus dem Blick zu verlieren. Die aktuell vorgelegten Zahlen zu antiziganistischen Straftaten für das Jahr 2019 zeigten einen Zuwachs von 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Obwohl der Antiziganismus tief in der deutschen Gesellschaft verwurzelt ist, seien seine Ursachen und Ausformungen kaum erforscht und dokumentiert, kritisiert er in seinem Text.
Nie Wegsehen - auch mit Blick auf die Erinnerungskultur: Laut dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm ist die Erinnerung eine zentrale Aufgabe für die Kirche. Wenn die Kirche öffentlich für das Gedächtnis der Opfer der Geschichte eintrete, verhindere sie dadurch, dass die Opfer von Ungerechtigkeit den endgültigen Tod durch das Vergessen erleiden. Dadurch schaffe sie die Voraussetzung für ein Erinnern, das gerade durch die Würdigung und Anerkennung vergangenen Leidens neues Leiden verhindert, schreibt er.
Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, ist der Meinung, dass auch mit Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen nicht weggesehen werden darf. Es gebe immer mehr Menschen, die die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen vor allem als Krise erleben. Sie erlebten die jahrzehntelangen Versäumnisse der Integrations- und Wohnungsbaupolitik, die Härten von Hartz IV in der eigenen Nachbarschaft und könnten die Vorteile von Demokratie und sozialer Marktwirtschaft für sich dort nicht mehr entdecken.
"Diese Entfremdungsprozesse aus der Demokratie können uns nicht egal sein", so Lilie. Deutschland werde mit großer Geschwindigkeit und unumkehrbar kulturell ethnisch und religiös heterogener. Zugleich werde Deutschland älter, sozial ungleicher und digitaler. Das erfordere ein genaues Hinschauen und Zuhören.
Denn die "unsichtbaren", unerhörten Menschen fühlten sich als Heimatlose im eigenen Land - ob mit oder ohne Migrationshintergrund. "Die Sorgen und Ängste der Menschen nicht wahr- und ernst zu nehmen, heißt Demokratie gefährden. Den tiefgreifenden Wandel nicht wahrhaben zu wollen, in dem sich unser Land befindet, auch", so der Diakonie-Präsident. Deshalb brauche es im Stadtviertel oder Dorf geeignete öffentliche Orte, wo die unterschiedlichen Vorstellungen vom guten Leben moderiert werden und Platz haben, schlägt Lilie vor: "Lasst Euch öfter sagen, was Ihr nicht hören wollt und achtet aufeinander."