"Verbeugung vor den Opfern": Mahnmal für Zeugen Jehovas eingeweiht

Fünf Meter hoch und aus massiver Bronze: Im Berliner Tiergarten erinnert nun ein Mahnmal an die während der NS-Zeit ermordeten und verfolgten Zeugen Jehovas. Noch fehlen aber Bäume, weitere Pflanzen und eine Informationstafel.

Berlin (epd). Mit einem Festakt ist in Berlin ein Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas der Öffentlichkeit übergeben worden. Es sei ein „Mahnruf für Toleranz, nach innen und nach außen“, sagte der Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Uwe Neumärker, bei der Feier am Mittwoch im Berliner Tiergarten.

„Es ist kein Denkmal für eine Institution“, sagte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU): „Es geht um die Verbeugung vor den Opfern des Nationalsozialismus.“ Die Bronzestele sei dem Leid, dem Mut und der Gewissensfestigkeit der verfolgten Zeugen Jehovas gewidmet. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) sagte, die Stele sei ein Mahnmal für Empathie und Toleranz. Den Organisatoren zufolge hatten sich knapp 1.000 Menschen für die Feierlichkeiten im Park angemeldet.

Widerstand gegen NS-Regime

Das fünf Meter hohe Mahnmal steht am sogenannten Goldfischteich im Tiergarten. Damit wurde nach Angaben der Stiftung ein historisch bedeutender Ort dafür ausgewählt. Bei einem damaligen Liegestuhlverleih eines Zeugen Jehovas an dem Teich seien geheime Treffen der ab 1933 verbotenen Organisation abgehalten worden, hieß es. Führende Zeugen Jehovas hätten ab 1934 dort den gemeinsamen Widerstand und das Gemeindeleben im Untergrund organisiert. Die Gestapo habe im August 1936 eine Verhaftungsaktion am Goldfischteich durchgeführt.

Der Beschluss zur Errichtung des Mahnmals wurde 2023 einstimmig vom Bundestag getroffen. Rund um die Stele aus unbehandelter Bronze sollen im Herbst noch Bäume, Sträucher und Blumen gepflanzt sowie eine Informationstafel ergänzt werden. Der Ort rund um das Mahnmal soll weiter als Park genutzt werden: „Denn die Freiheit, das Leben im Hier und Jetzt unbeschwert zu genießen, ist die stärkste, die lebendigste Antwort auf die Tyrannei von einst“, sagte der Künstler Matthias Leeck.

„Bleibende Verpflichtung“

Viele der verhafteten Zeugen Jehovas seien in bis heute bestehenden Berliner Gerichten verurteilt worden, erklärte die Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU). „Daraus wächst eine bleibende Verpflichtung, nämlich Unrecht als Unrecht zu benennen“, sagte Badenberg.

Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung unter anderem mit Stücken von Erich Frost (1900-1987). Er gehörte zu den „Goldfischteichaktivisten“. Im Konzentrationslager Sangerhausen komponierte er 1942 sein Stück „Fest und entschlossen“. Bei dem Festakt berichteten auch Nachfahren verfolgter Zeugen Jehovas vom Leben ihrer Angehörigen.

Hitlergruß und Kriegsdienst verweigert

Die Zeugen Jehovas leisteten der Stiftung zufolge aus religiöser Überzeugung Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Sowohl den Hitlergruß, den Kriegsdienst als auch die Mitgliedschaft in Parteiorganisationen hätten sie verweigert. Zusätzlich hätten sie anderen Verfolgten geholfen und öffentlich über den verbrecherischen Charakter des Systems aufgeklärt.

Insgesamt seien mehr als 15.000 Frauen und Männer der Glaubensgemeinschaft in der NS-Zeit inhaftiert worden, hieß es. Etwa 4.500 kamen in Konzentrationslager. Sie seien mit einem „lila Winkel“ stigmatisiert worden. Mehr als 1.800 Zeugen Jehovas wurden vom Regime ermordet.

Hintergrund: Zeugen Jehovas

Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas hat ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert. Während des Nationalsozialismus wurde die Organisation verfolgt. Mittlerweile ist sie als Körperschaft des öffentlichen Rechts in Deutschland anerkannt.

Berlin (epd). Die Zeugen Jehovas gehören zu den bekanntesten nicht kirchlichen Religionsgemeinschaften in Deutschland. Nach eigenen Angaben waren bei der Glaubensgemeinschaft im Jahr 2025 im Schnitt weltweit rund neun Millionen Menschen aktiv. In Deutschland zählte die Gemeinschaft 2025 mehr als 175.000 Mitglieder. Die Zentrale befindet sich in Warwick (New York), die deutsche Leitung hat ihren Sitz in Berlin.

Die Bewegung geht auf den Prediger Charles Taze Russell (1852-1916) zurück. Russell gründete in den 1870er Jahren einen Bibelstudienkreis, der sich „Ernste Bibelforscher“ nannte. Ab 1879 gab er eine Zeitschrift heraus, die später den Titel „Der Wachturm“ erhielt.

Verfolgung im Nationalsozialismus

Sein Nachfolger, Joseph Franklin Rutherford (1869-1942), verband die bisher losen Versammlungen in einer Organisation. Seit 1931 nennen sich die „Bibelforscher“ „Zeugen Jehovas“. „Jehova“ ist dabei eine Ableitung der hebräischen Bezeichnung „JHWH“ für Gott, wie sie unter anderem im Alten Testament vorkommt.

Im Nationalsozialismus verweigerten die Zeugen Jehovas aus religiösen Gründen den Hitlergruß, den Kriegsdienst und den Beitritt in Parteiorganisationen. Die Gemeinschaft wurde daher ab 1933 verboten. Insgesamt wurden Forschungen zufolge in der NS-Zeit mehr als 15.000 Frauen und Männer der Glaubensgemeinschaft inhaftiert. Etwa 4.500 kamen in Konzentrationslager. Sie wurden mit einem sogenannten „lila Winkel“ stigmatisiert. Mehr als 1.800 von ihnen starben.

Erwartung des Weltuntergangs

Die Grundlage des Glaubens der Zeugen Jehovas ist eine eigene Bibelübersetzung. Sie wird wörtlich genommen und gilt als historisch und wissenschaftlich wahr. Im Mittelpunkt der Glaubensüberzeugung steht die Erwartung des Weltuntergangs, bei dem Gott alles „Böse“ ausrotten und nur die Zeugen Jehovas verschonen werde.

Die Zeugen Jehovas betrachten sich als einzig wahre Christen und praktizieren keine Ökumene. Weitere kirchliche Traditionen wie Weihnachten oder Kindertaufe finden ebenso keine Anwendung. Generell werden viele Feste, auch Geburtstage, nicht gefeiert.

Körperschaft des öffentlichen Rechts

Seit 2017 sind die Zeugen Jehovas als Körperschaft des öffentlichen Rechts in allen Bundesländern anerkannt. Nach Angaben der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen werden Parteien und Gewerkschaften bei den Zeugen Jehovas kritisch gesehen, viele Jahrzehnte wurden auch Wahlen abgelehnt. Bluttransfusionen sind verboten.

Die Zentralstelle berichtet zudem von Druck auf die Mitglieder durch gefordertes hohes persönliches Engagement. Die Organisation sei zudem ein geschlossenes ideologisches System, das jedem Einzelnen seinen Platz zuweist.