Ukrainische Geflüchtete: Leben in der Schwebe

Ein Stück Zuhause zwischen Mischpult und Mikrofon: Vier Jahre nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine proben geflüchtete Kinder in Braunschweig für große Bühnen. Viele Familien ringen allerdings um eine Perspektive.

Braunschweig (epd). Mit voller Lautstärke und ganz viel Gefühl singen etwa 50 Kinder mehrstimmig ein Lied von Popstar Ed Sheeran in die Mikrofone: „We keep this love in a photograph - we make these memories for ourselves“ („Wir bewahren diese Liebe in einem Foto - Wir schaffen diese Erinnerungen für uns“). Chorleiterin Olena Petrykova springt mit ausholenden Armbewegungen von einer Seite des Raums zur anderen. Sie hat ihren ukrainischen „Color Music Children's Choir“ nach ihrer Flucht im Mai 2022 in Braunschweig wieder aufleben lassen.

Das Lied „Photograph“ weckt bei der Chorleiterin vier Jahre nach dem Beginn des Krieges in ihrer Heimat viele Erinnerungen und rührt sie zu Tränen: Es ist der letzte Song, den der ursprünglich 2006 gegründete Chor in einem professionellen Video festhielt, bevor die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine in alle Welt flüchteten. Das Video wurde millionenfach im Internet angesehen.

Mit Coldplay und Bosse auf der Bühne

In Braunschweig versammeln sich seit 2022 neue Kinder aus Odessa, Charkiw, Kyjiw oder Mykolajiw zum Singen - zunächst in den Räumen der Domsingschule. Inzwischen sind auch viele einheimische Kinder aus Braunschweig und den umliegenden Städten dabei. Durch die erfolgreichen Youtube-Videos wurden Bands wie Coldplay und Bosse auf den Chor aufmerksam und holten die Kinder mit auf die Bühne.

Inzwischen konnte Petrykova, unterstützt von Spendengeldern, einen Raum in einer ehemaligen Tanzschule mieten und mithilfe der Eltern renovieren, erzählt sie stolz. Laut dröhnen dort die Bässe aus den Boxen. Petrykova legt die Hände an die Ohren, um die vor Freude hüpfenden Kinder zum lauten Singen zu animieren. Ihr Ehemann Alexander, der vor zwei Jahren mit dem Equipment seines Tonstudios kam, regelt das Einspielen der Cover-Songs am Mischpult.

Kein Ort mehr für die Rückkehr

Die gelernte Musikerin und Pädagogin Petrykova arbeitet nach wie vor ehrenamtlich für den Chor. In ihrer alten Wohnung in der Großstadt Dnipro, aus der sie mit ihren beiden Söhnen vor russischen Raketen floh, leben inzwischen Verwandte, deren Zuhause vollständig zerstört wurde, sagt die Frau mit dem geflochtenen Zopf sichtlich bewegt. „De facto gibt es für uns keinen Ort mehr, an den wir zurückkehren könnten.“

Diese Situation kenne die Mehrheit der Ukrainer, sagt Oksana Janzen, Vorsitzende des Ukrainischen Vereins in Niedersachsen. „Viele dachten, dass der Krieg nach einem Jahr vorbei ist, aber das war nicht der Fall.“ Sie vermute, dass etwa die Hälfte der rund eine Million Geflüchteten auch nach einem möglichen Kriegsende in Deutschland bleiben werde.

Unterstützung und Spendenbereitschaft nehmen ab

Nach vier Jahren stünden die Ukrainer allerdings immer noch vor großen Herausforderungen, sagt Janzen. Während sie einerseits tagtäglich den Krieg über Nachrichten auf ihren Handys verfolgten, müssten sie sich andererseits in Deutschland einen Alltag aufbauen. „Fast jeder hat Angehörige, die im Krieg gefallen sind.“ Doch die Unterstützung und auch die Spendenbereitschaft für die Ukraine nähmen ab.

Dass im März kommenden Jahres die sogenannte Massenzustromrichtlinie der Europäischen Union endet, die den Ukrainern einen befristeten humanitären Aufenthaltsstatus gewährt und einen leichteren Zugang zum Arbeitsmarkt und Sozialleistungen verschafft, kritisiert Janzen scharf. „Solange der Krieg anhält, brauchen die Menschen Schutz und auch die nötige Zeit, um die Sprache zu lernen und einen Arbeitsplatz zu finden.“ Laut der Bundesagentur für Arbeit beziehen etwa 657.000 der rund 1,3 Millionen nach Deutschland geflüchteten Ukrainer Regelleistungen oder Bürgergeld.

Singen gegen Trauer und Angst

In Braunschweig singen die Kinder lautstark gegen die Trauer und Angst an, die sie manchmal überkommt - diesmal in einer Cover-Version von Udo Lindenbergs Hit aus den 80er Jahren: „Wozu sind Kriege da?“ Bei den nächsten Konzerten werden sie weiße Hemden tragen, die symbolisch für den Neuanfang stehen sollen.