Tausende demonstrieren bei Ostermärschen für Frieden und Abrüstung
Protest gegen Kriege, neues Wettrüsten und Wehrpflicht: Am Karsamstag gehen in über 70 Städten Menschen auf die Straße, um für Frieden zu demonstrieren. Groß ist auch die Sorge vor einer neuen Wehrpflicht.
Düsseldorf (epd). Bei den Ostermärschen haben am Samstag bundesweit Tausende Menschen für Frieden und Abrüstung demonstriert. Hauptthemen der Friedensaktivisten sind in diesem Jahr die Kriege im Nahen Osten und in der Golf-Region sowie in der Ukraine, die Aufrüstung der Bundeswehr und die Debatte über eine Wiedereinführung der Wehrpflicht. Am Hauptaktionstag gab es mehr als 70 Demonstrationen, Kundgebungen, Fahrradtouren und Mahnwachen.
In Duisburg und Köln begann der dreitägige Ostermarsch Rhein-Ruhr, der bis Montag über Essen, Gelsenkirchen, Herne und Bochum nach Dortmund zieht. Auch in Berlin, Leipzig, Hannover, Bremen, Düsseldorf, Bonn, München, Stuttgart und Saarbrücken sowie zahlreichen kleineren Städten wie Düren, Plauen und Traunstein gingen am Karsamstag Menschen für Frieden und Abrüstung auf die Straße.
Nahost-Krieg „alles überschattendes Thema“
Die Teilnehmerzahlen lagen nach Angaben von Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative in Bonn, das die Ostermärsche koordiniert, weitgehend auf dem Niveau des Vorjahres, allerdings fehlten zunächst noch verlässliche Zahlen. In Berlin kamen laut Polizei mehr als 1.000 Menschen zusammen. Jeweils etwa 800 Demonstrierende gab es laut Polizei in Bremen sowie nach Angaben der Veranstalter in Mannheim und Kassel. In München nahmen nach Polizeiangaben rund 550 Menschen teil, in Wiesbaden und Fulda waren es jeweils 500, in Augsburg 450 und in Duisburg 350. Im vergangenen Jahr waren nach Veranstalterangaben von Gründonnerstag bis Ostermontag bundesweit mehr als 40.000 Menschen für Frieden und Abrüstung auf die Straße gegangen.
Zentrale Forderungen der Ostermarschierer seien die universelle Einhaltung des Völkerrechts und sofortige diplomatische Initiativen zur Beendigung von Kriegen, erklärte Golla. Das „alles überschattende Thema“ sei der Krieg im Nahen Osten. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran sowie die Militäreinsätze Israels im Libanon und in den palästinensischen Gebiete müssten sofort gestoppt werden. Ein weiterer zentraler Punkt der Ostermarsch-Aufrufe sei eine Beendigung des russischen Krieges gegen die Ukraine. Die Bundesregierung müsse diplomatische Initiativen „proaktiv fördern“.
Pläne für Wehrpflicht werden strikt abgelehnt
„In bald 40 Jahren Ostermarscharbeit habe ich es noch nie erlebt, dass es zu Ostern so eine große Fülle an Krisen auf der Welt gibt“, sagte Golla. Das stimme nachdenklich, zeige aber auch, wie wichtig das Engagement für Frieden sei. Die Friedensaktivisten forderten, dass sich Deutschland am Krieg gegen den Iran weder direkt noch indirekt beteiligt. Entschieden abgelehnt würden alle Pläne für eine neue Wehrpflicht. Dass sich die Jugend vermehrt „gegen diese Militarisierung“ wehre, gebe der Friedensbewegung Auftrieb.
Im Fokus der Proteste steht auch das traditionelle Ostermarsch-Thema der nuklearen Abrüstung. „Nur eine atomwaffenfreie Welt ist eine sichere Welt“, erklärte Golla. Die Friedensbewegung wende sich daher gegen eine Stationierung neuer US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland.
Ostermärsche enden am Montag
Die Ostermärsche haben eine 66-jährige Tradition. Sie waren am Gründonnerstag gestartet und enden mit Kundgebungen unter anderem in Dortmund, Frankfurt am Main, Hamburg und Nürnberg sowie am Fliegerhorst Büchel in der Eifel, wo die Friedensbewegung traditionell für den Abzug der US-Atombomben demonstriert.
Stichwort: Ostermärsche
Die Ostermärsche haben eine jahrzehntelange Tradition. Die aktuellen Kriege und Krisen treiben auch in diesem Jahr Friedensaktivisten auf die Straße. Die Teilnehmerzahlen bleiben aber überschaubar.
Seit 66 Jahren gehen Menschen in Deutschland an den Ostertagen für Frieden und Abrüstung auf die Straße. Inspiriert wurden die friedlichen Demonstrationen von einem Protestmarsch gegen Atomwaffen an Ostern 1958 in Südengland. Großen Zuspruch erlebte die Ostermarsch-Bewegung in Deutschland vor allem im Zuge der Massenproteste gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Westeuropa Anfang der 80er Jahre, damals beteiligten sich Hunderttausende an den Friedensaktionen. Stärkeren Zulauf erlebte die Friedensbewegung auch bei Krisen wie den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien und am Golf.
Seit vielen Jahren stagniert allerdings die Zahl der Teilnehmenden: Höchstens mehrere zehntausend Menschen kommen jedes Jahr zu den bundesweit gut hundert klassischen Aktionen wie Kundgebungen, Mahnwachen, Blockadeaktionen, Fahrradtouren und Wanderungen sowie Friedensgebeten und Friedensfesten. Im Jahr 2020 gab es wegen der Corona-Pandemie nur Online-Veranstaltungen, seither bewegen sich die Zahlen wieder auf dem Niveau der Jahre zuvor. Auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Nahost-Krieg lösten anfangs keine breitere Beteiligung aus, in diesem Jahr könnte die Zahl der Ostermarschierer allerdings etwas anwachsen.
Als ein Grund für eine geringere Beteiligung gilt, dass die meisten Ostermarschierer in die Jahre gekommen sind und klassische Protestformen jüngere Menschen eher weniger ansprechen. Auch wenn derzeit keine Massenbewegung wie in den 80er Jahren zu erwarten ist, sind die Ostermärsche aber für die Friedensbewegung weiter identitätsstiftend. Das Thema einer möglichen neuen Wehrpflicht sorgt zudem für eine Abwehrreaktion junger Leute, die der Friedensbewegung Auftrieb geben könnte.