Sprudelnde Gewerbesteuer, massive Verkehrszunahme
Wenigen niedersächsischen Kommunen geht es finanziell so gut wie Unterlüß in der Südheide. Dennoch bewerten die Bürgermeisterkandidaten den Boom bei Rheinmetall nicht nur positiv.
Südheide/Kr. Celle (epd). „Wir bilden aus!“ - mit einem Transparent an den Werkstoren in Unterlüß wirbt Rheinmetall um Nachwuchskräfte. Mitten im Ort verspricht der größte deutsche Rüstungshersteller auf einer Werbetafel eine Karriere in seinem Unternehmen, das derzeit auf seiner Homepage 223 freie Stellen alleine in Unterlüß anbietet. Ein Personaldienstleister sucht für das Unterlüßer Rheinmetallwerk Schlosser, Schweißer und Metallbauer, Verdienst pro Stunde zwischen 21,71 Euro und 30 Euro.
„Wir leben auf einer Insel der Glückseligen, uns geht es wirklich gut“, sagt Frank Huchler, der sich als Kandidat der Wählergruppe Aktive Südheide (WAS) um den Posten des Bürgermeisters am Montagabend bei einer Diskussion mit Amtsinhaberin Katharina Ebeling (CDU) den Fragen des Publikums stellte. Damit spielt Huchler auf die Gewerbesteuereinnahmen von zuletzt rund 18 Millionen Euro jährlich an, durch die sich die Gemeinde vieles leisten kann.
„Ziel für Aggressoren“
So trägt Südheide - 2015 durch die Fusion der 15 Kilometer auseinander liegenden Hauptorte Unterlüß und Hermannsburg entstanden - die Kosten für den Ausbau von Straßen, an denen zuvor die Anwohner beteiligt waren. Das Hallenbad wurde saniert, die öffentliche Beleuchtung auf LED-Technik umgestellt, der Hebesatz der Grundsteuer gesenkt. Doch Huchler sieht auch negative Folgen des Booms bei Rheinmetall: „Viele Fachkräfte werden von Rheinmetall weggesaugt. Wir müssen dafür sorgen, dass kleine Betriebe bei uns nicht ausbluten.“
Südheides Bürgermeisterin Ebeling, seit 2021 im Amt, freut sich, dass der Leerstand in Unterlüß innerhalb der letzten Jahre von 500 auf 100 leere Wohnungen reduziert werden konnte und Unterlüß inzwischen mehr als 3600 Einwohner zählt. Doch auch sie beurteilt den Ausbau des Werks mit derzeit mehr als 3.200 Mitarbeitern angesichts vermehrter Anschlagsversuche auf die Infrastruktur in Deutschland nicht nur positiv: „Wir sind ein lohnenswertes Ziel für Aggressoren. Und wir leben mitten im Wald. Vor diesen Gefahren müssen wir uns schützen.“ Dafür richtet die Gemeinde zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz so genannte Katastrophenschutzleuchttürme ein - Anlaufstellen für die Bevölkerung mit warmen Räumen und Infostellen im Notfall.
Kleingärten weichen Munitionsfabrik
Einen Sportplatz im Eigentum von Rheinmetall lässt das Unternehmen zu einem Parkplatz mit 357 Plätzen umbauen. An anderer Stelle im Ort musste ein Kleingartenverein weichen, damit dort eine neue Munitionsfabrik samt Bürogebäude und Parkplätze entstehen kann. Der Verkehr nicht nur in Unterlüß hat durch die vielen Pendler und den Lkw-Lieferverkehr stark zugenommen. „Auch in Hermannsburg kann man als Radfahrer in der Rush Hour nur froh sein, wenn nichts passiert. Ich fahre zu dieser Zeit auf dem Fußweg“, sagt Huchler.
Vom Publikum bei der sehr gut besuchten Kandidatenvorstellung kommen kaum kritische Fragen und Anmerkungen zu Rheinmetall. An Lärm ist man in Unterlüß gewöhnt, nicht zuletzt durch das 50 Quadratkilometer große Rheinmetall-Erprobungsgelände für Munition mit Sprengplatz und Schießkanälen, das größte private Test- und Versuchsgelände in Europa. Die meist älteren Fragesteller wollen wissen, wie es um den Ausbau der öffentlichen Ladestationen für E-Autos bestellt ist, ob mehr Flächen für den Auslauf von Hunden geschaffen werden, ob die Steuerzahler für den Pfusch beim Bau des örtlichen Feuerwehrhauses aufkommen müssen, wann es mit dem Anschluss der Glasfaserleitungen vorangeht und wann endlich wieder Ärzte in Unterlüß praktizieren.
Nur Wolfgang Hinrichs aus Unterlüß blickt hinsichtlich des mit Abstand größten Arbeitgebers in der Region skeptisch in die Zukunft. „Jetzt geht es Rheinmetall durch die vielen Aufträge sehr gut. Das kann sich ändern. Wo wollen wir sparen, wenn es weniger Geld aus Steuereinnahmen gibt?“
Schauplatz für Proteste
Rheinmetall betreibt seit 1899 einen Schießplatz in Unterlüß. 1905 startete hier die Herstellung von Patronen und Geschützen. Mit Kriegsbeginn 1939 wurden viele Zwangsarbeiter in der Produktion eingesetzt - eine 2022 eingeweihte Gedenkstätte erinnert unter anderem an 800 jüdische Frauen aus dem Tannenberglager, die unter schlimmsten Bedingungen 1944 für Rheinmetall-Borsig arbeiten mussten.
Nach Beginn des Ukrainekriegs im Jahr 2022 wird die Produktion in Unterlüß massiv ausgebaut, unter anderem durch den Bau einer neuen Munitionsfabrik für Artilleriegranaten. Seitdem ist Unterlüß auch häufiger Schauplatz für Proteste - zu sehen an Aufklebern an Leuchtmasten mit Slogans wie „Schulstreik gegen Kriegsdienst“.