"Schwere Zumutung" und "Sozialistenbeschluss"
Darmstadt (epd). Das "Wort zum politischen Weg unseres Volkes" wurde von den beiden Theologieprofessoren Karl Barth (1886-1968) und Hans Joachim Iwand (1899-1960) verfasst und unter anderen von dem späteren hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Martin Niemöller (1892-1984) überarbeitet. Es benannte vier ganz konkrete "Irrwege" der Kirche. Diese habe lange vor 1933 die nötigen Gesellschaftsveränderungen blockiert und so dem Nationalsozialismus den Weg bereitet.
Die Kirche habe die politischen Kategorien von Gut und Böse übernommen und damit das "freie Angebot der Gnade Gottes verfälscht". Schließlich habe sie übersehen, "dass der ökonomische Materialismus der marxistischen Lehre die Kirche an den Auftrag und die Verheißung der Gemeinde für das Zusammenleben der Menschen im Diesseits hätte gemahnen müssen".
Die nur dem Evangelium verpflichtete Kirche sollte Anwalt der Armen und der Völkerverständigung werden, wünschten sich die Autoren. Ein Neuanfang schien den Autoren bitter nötig, weil sie in der beginnenden kirchlichen Restauration jede selbstkritische Auseinandersetzung vermissten.
Tatsächlich bestimmten viele evangelische Amtsträger aus der Weimarer Republik und der NS-Zeit nach 1945 weiterhin die Kirchenpolitik. So mancher leitende Geistliche hatte sich mit dem Regime arrangiert und damit auch den kirchlichen Widerstand geschwächt. Die NS-Zeit wurde verdrängt, von Mitverantwortung und Schuld nicht geredet.
"Im Vergleich zur Stuttgarter Schulderklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 1945 wurde mit dem Darmstädter Wort ein Paradigmenwechsel vorgenommen", stellt der Kirchengeschichtler Hartmut Ludwig fest. "Danach war der Nationalsozialismus keine Folge von Aufklärung und Entkirchlichung, sondern politischer Irrwege seit dem 19. Jahrhundert. Damit wurde die Kontinuität deutscher Geschichte behauptet, während andere den Nationalsozialmus zu einer Art 'Betriebsunfall' erklärten."
Das Wort bleibe hochaktuell, ist sich Ludwig sicher. Besonders die 5. These, für die Armen und Entrechteten wirksamer einzutreten, statt kirchliche Stellungnahmen in "vornehmer Ausgewogenheit" zu formulieren. Auch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau lobt die Erklärung. Das Wort sei ein "evangelischer Markstein in der Aufarbeitung der protestantischen Geschichte mit dem Nationalsozialismus", wie Kirchenpräsident Volker Jung hervorhebt.
Tatsächlich war die Aufnahme der Erklärung eher verhalten. Zustimmung gab es zumeist von jüngeren Mitgliedern der Bekennenden Kirche. Besonders konservativ-lutherische Theologen entrüsteten sich, ein Teil des Rats der EKD lehnte sie rundheraus ab. Der Berliner Bischof Otto Dibelius (1880-1967) schrieb etwa in einem Brief, er empfinde es als "schwere Zumutung, dass wir genau dasjenige als eigene Schuld bekennen sollen, wogegen wir ein Leben lang gekämpft haben".
Der Präsident der EKD-Kirchenkanzlei Hans Asmussen (1898-1968) bezeichnete das Wort als "Sozialistenbeschluss" und warnte vor einem "Religionsbolschewismus" in der Kirche. Auch der EKD-Ratsvorsitzende Theophil Wurm (1868-1953) stand ihm ablehnend gegenüber, weil er zuvor nicht konsultiert worden war.
Die Rezeption des Wortes blieb fortan auf linksprotestantische Kreise beschränkt: Bruderschaften, Friedensbewegung, Aktion Sühnezeichen, Studierendengemeinden. Eine kurze Renaissance erlebte das Wort noch einmal 1977 durch eine "Versammlung europäischer Christen" in Darmstadt. Von ihr gingen erste Impulse für eine blockübergreifende gesamteuropäische christliche Friedensbewegung aus.