Rotes Kreuz sendet dramatischen Appell zu Aleppo
Frankfurt a.M. (epd). Im Syrien-Konflikt hat sich das Rote Kreuz mit einem dramatischen Appell an die Kriegsparteien in der umkämpften Stadt Aleppo gewandt. Hilfsorganisationen müsse durch regelmäßige Feuerpausen der Zugang zu den verzweifelten Menschen ermöglicht werden, verlangte der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Peter Maurer, am Montagabend in Genf.
Menschenrechtler warfen der syrisch-russischen Allianz am Dienstag den Einsatz von Brandbomben gegen Zivilisten vor. Die Waffen, die rasendes Feuer auslösten und schreckliche schmerzhafte Wunden verursachten, seien mindestens 18 Mal in den vergangenen sechs Wochen benutzt worden, kritisierte die Organisation Human Rights Watch. Zu den Zielen hätten am 7. August auch Aleppo und die Stadt Idlib gehört. "Ärzte ohne Grenzen" berichtete von Hinweisen auf die Verwendung von Chlorgas in Aleppo, obwohl chemische Waffen international geächtet sind.
Der Kampf um Aleppo sei "einer der zerstörerischsten Konflikte der Neuzeit", erklärte Rot-Kreuz-Präsident Maurer. Die Kämpfe kosteten zu viele Menschenleben. Er appellierte an die Kriegsparteien, die Zerstörung und das Töten zu beenden. Die gegnerischen Seiten müssten ein Minimum an Kriegsregeln einhalten, um nicht noch mehr Menschen zu töten. Daneben bedrohe der Mangel an Wasser und Elektrizität das Leben von bis zu zwei Millionen Menschen, die auch keinerlei medizinische Hilfe erhielten.
Die UN-Untersuchungskommission zu Syrien wandte sich am Dienstag in Genf ebenfalls wegen Aleppo an die Staatengemeinschaft: Wer in den Stadtvierteln unter Rebellengruppen sei, spreche von einem "Leben in Horror unter fast ständiger Todesangst durch Luftangriffe", heißt es in der Erklärung.
Im belagerten Ostteil der syrischen Stadt Aleppo arbeiten Ärzte nach Angaben von "Ärzte ohne Grenzen" unter extremen Gefahren und Schwierigkeiten. "Die Situation in der Stadt ist katastrophal", sagte der Vorstandsvorsitzende des deutschen Zweigs der Hilfsorganisation, Volker Westerbarkey, dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Man ist nirgendwo sicher", fügte der Arzt in Berlin hinzu.
In den vergangenen fünf Monaten seien alle acht Kliniken und Gesundheitsstationen in Ost-Aleppo beschädigt oder zerstört worden, mit denen die Organisation in Kontakt stehe. Zu Hinweisen auf einen Chlorgas-Einsatz, über den in der vergangenen Woche berichtet wurde, sagte er: "In zwei Krankenhäuser sind insgesamt etwa 80 Patienten mit den typischen Symptomen gekommen: Atemprobleme, Husten und tränende Augen."
Die Mediziner vor Ort hätten auch über nach Chlor riechende Kleider der Patienten berichtet. Die Verletzten seien vor allem Kinder gewesen, die besonders empfindlich sind. Chemische Waffen sind international geächtet. "Es ist nicht zu glauben, dass so etwas wie der Einsatz von Chlorgas geschieht. Das muss untersucht werden", sagte Westerbarkey.
Die Bedingungen in den Kliniken Aleppos schildert der Vorsitzende von "Ärzte ohne Grenzen" als unvorstellbar: "In die Krankenhäuser kommen immer mehr Verwundete und Verletzte." Dabei kämen die Menschen nur im äußersten Notfall, weil auch Kliniken ständig angegriffen würden. "Es sind syrische Ärzte und syrisches Pflegepersonal, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens die Patienten versorgen."
"Es gibt kaum noch Verbandsmaterial und Medikamente. Selbst Blinddarmoperationen und Kaiserschnitte sind kaum noch zu bewältigen", sagte er. Der letzte Transport von "Ärzte ohne Grenzen" sei im April in den von oppositionellen Gruppen kontrollierten Ostteil Aleppos gekommen. Jetzt kämen nur vereinzelt kleine Mengen Material hinein: "Das ist nichts Verlässliches."
Im Syrien-Krieg kämpft das Assad-Regime mit russischer und iranischer Unterstützung gegen Rebellengruppen und Terrormilizen wie den "Islamischen Staat" (IS). Gemäßigte Rebellen werden von den USA unterstützt. Nach UN-Schätzungen kamen seit 2011 mindestens 300.000 Menschen ums Leben. Millionen Männer, Frauen und Kinder sind innerhalb und außerhalb Syriens auf der Flucht.