Roboterphilosoph: Googles Ausstieg aus Waffen-Geschäft ist Symbol
Frankfurt a.M. (epd). Der Maschinenethiker Oliver Bendel zeigt sich von der Entscheidung von Google, künftig keine Künstliche Intelligenz für Waffen und Überwachungssysteme einzusetzen, positiv überrascht. "Ich finde diese Entscheidung zunächst einmal richtig. Sie ist ein Zeichen, ein Symbol mit der Botschaft: Da war eine rote Linie überschritten", sagte Bendel dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Wirtschaftsinformatiker forscht an der Fachhochschule Nordwestschweiz zur Ethik Künstlicher Intelligenz. Mit Programmen oder Algorithmen Künstlicher Intelligenz können Roboter, wie zum Beispiel autonome Kampfflugzeuge, große Datenmengen scannen, Muster erkennen und Abweichungen im Kriegsfall aufspüren. Dadurch können unter Umständen militärische Ziele eindeutiger erkannt werden und unbeabsichtigte Schäden vermieden werden, sagen die Befürworter.
Am Donnerstagabend hatte Google-Geschäftsführer Sundar Pichai in einem Blogpost angekündigt, Computeranwendungen Künstlicher Intelligenz nur noch für "gute Zwecke" zur Verfügung zu stellen. Dazu veröffentlichte Google "Grundsätze für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz", mit denen der Konzern Richtlinien und ethische Prinzipien für die eigene Forschung festlegt. Vorangegangen war nach Medienberichten ein Streit innerhalb der Belegschaft über die Zusammenarbeit mit dem US-Militär. Google will jedoch weiterhin die Arbeit mit Regierungen und dem US-Militär fortsetzen, wie zum Beispiel bei IT-Sicherheit.
epd: Herr Bendel, wird die Welt nun ein bisschen besser, nachdem Google angekündigt hat, aus der Entwicklung Künstlicher Intelligenz für Waffen und Überwachungssysteme auszusteigen?
Bendel: Wenn Google sich entscheidet, keine Künstliche Intelligenz für Kampfroboter zu entwickeln, wird es jemand anderes tun, das ist ganz klar. Und vielleicht wäre es besser, Google täte es und nicht irgendein anderes Unternehmen. Ich finde diese Entscheidung zunächst einmal richtig. Sie ist ein Zeichen, ein Symbol mit der Botschaft: Da war eine rote Linie überschritten. Allerdings müssen wir meiner Meinung nach als westliche Welt an der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz für Kampfsysteme dran bleiben - weil sie ja auch gegen uns eingesetzt werden könnte. Die Anwendung im Kriegsfall muss aber geächtet werden.
epd: Ginge das denn überhaupt? Was einmal entwickelt wurde, wird doch auch eingesetzt.
Bendel: Atomwaffen sind da, werden aber zum Beispiel nicht verwendet - so müsste man auch mit autonomen Kampfrobotern verfahren. Google hat jetzt angekündigt, nur an Technologien zu arbeiten, die "gute Zwecke" verfolgen oder keinen Schaden anrichten. Aber was heißt das denn überhaupt? Dürfen wir eine entführte Passagiermaschine von Systemen mit Künstlicher Intelligenz von einem Atomkraftwerk weglotsen und über dem offenen Meer abstürzen lassen? Das sind moralische Abwägungen, die wir nicht an Maschinen delegieren dürfen, selbst wenn sie von uns programmiert wurden.
epd: Befürworter Künstlicher Intelligenz im Kriegsfall argumentieren, der Einsatz von Drohnen mache Kriege gerechter.
Bendel: Befürworter argumentieren, dass militärische Schläge präziser sind, es weniger Kollateralschäden gibt, die Einsätze schneller gehen und weniger kosten. Eigene Soldaten werden geschont, Roboter brandschatzen nicht, vergewaltigen nicht und plündern nicht - wobei man ihnen auch das beibringen könnte. Der US-amerikanische Roboterethiker Ron C. Arkin plädiert deshalb für die Entwicklung eines künstlichen Gewissens bei Maschinen. Mich überzeugen insgesamt die Argumente gegen den Einsatz autonomer Kampfroboter. Die Schwelle, einen Krieg zu führen, wird gesenkt. Und stellen Sie sich den Psychoterror für Zivilisten vor, der eintreten würde, wenn Schwärme von autonomen Kampffliegern über jene hinwegziehen und man nicht weiß, was man tun muss, um kein Ziel zu werden. Erkennt mich die Maschine als Zivilist oder muss ich mein Camouflage-T-Shirt ausziehen, um nicht erschossen zu werden?