Religionsphilosoph Karimi: Es braucht einen selbstkritischen Islam

Ein erwachsener Glaube habe keine Angst, hinterfragt zu werden, sagt der islamische Philosoph Karimi. Muslime sollten religiös begründete Gewalt theologisch entlarven und sich auch gegen Antisemitismus wenden.

Münster (epd). Der islamische Philosoph Ahmad Milad Karimi plädiert für einen selbstkritischen Islam, der Anfragen und unterschiedliche Perspektiven aushält. „Ein Glaube, der keine Kritik aushält, wird eng und kreist irgendwann nur noch um die eigenen Gewissheiten“, sagte der Professor für Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster dem Evangelischen Pressedienst (epd). Menschliche Auslegungen seien stets begrenzt und fehlbar. Doch genau das mache demütig. Ein „erwachsener Glaube“ habe deshalb keine Angst vor Vernunft, Wissenschaft, Zweifel oder anderen Perspektiven: „Er lässt sich befragen und bleibt gerade dadurch lebendig.“

Gemeinsam mit seinem Kollegen Mouhanad Khorchide, der islamische Religionspädagogik in Münster lehrt, hat Karimi das Buch „21 Visionen für einen Islam der Zukunft“ veröffentlicht. Darin spricht sich Karimi dafür aus, Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus nicht gegeneinander auszuspielen. „Mich stört eine Konkurrenz des Leidens“, sagte er dem epd. Der Schutz jüdischen Lebens relativiere antimuslimischen Rassismus nicht.

Bei Antisemitismus nicht schweigen

Wer antimuslimischen Rassismus benenne, dürfe beim Antisemitismus nicht schweigen, unterstrich der Wissenschaftler. Dabei bleibe die Schoah in ihrer historischen Singularität zu achten. Auch Antisemitismus innerhalb muslimischer Kontexte müsse klar benannt und bekämpft werden. „Entscheidend ist für mich: Die Würde des Menschen ist unteilbar“, sagte Karimi. „Ich kann sie nicht nur dort verteidigen, wo meine eigene Gemeinschaft betroffen ist.“

Mit Blick auf religiös begründete Gewalt warnte der Religionsphilosoph davor, sich allein mit einer Distanzierung von Gewalttaten zufriedenzugeben. Er habe als Kind in Afghanistan erlebt, wie Menschen im Namen Gottes Angst verbreiten. Deshalb müsse auch theologisch danach gefragt werden, welche Gottes- und Menschenbilder sowie welche Auslegungen Gewalt legitimieren könnten. „Gewalt beginnt oft schon dort, wo Menschen religiös abgewertet und zu Feinden erklärt werden“, mahnte der Professor des Zentrums für Islamische Theologie an der Uni Münster.

Lebendiger Glaube kann Verantwortung für andere stärken

Karimi hob die Bedeutung von Religion für die Gesellschaft hervor. Religion stelle grundlegende Fragen nach Sinn, Hoffnung, Leid, Schuld und Tod. Ein lebendiger Glaube könne Menschen darin stärken, sich selbst nicht absolut zu setzen, Verantwortung für andere zu übernehmen und die Würde jedes Menschen zu achten.

Das Gespräch im Wortlaut:

epd: Herr Karimi, gemeinsam mit Ihrem Kollegen Mouhanad Khorchide haben Sie das Buch „21 Visionen für einen Islam der Zukunft“ (Herder-Verlag) geschrieben. In dem Buch sprechen Sie sich für einen erwachsenen Glauben aus, der keine Angst vor Selbstkritik und Vielfalt hat. Warum ist ein solcher Glaube wichtig?

Ahmad Milad Karimi: Ein Glaube, der keine Kritik aushält, wird eng und kreist irgendwann nur noch um die eigenen Gewissheiten. Für mich gehört Selbstkritik deshalb zum Glauben selbst. Wer glaubt, muss zwischen Gott und dem eigenen Verständnis von Gott unterscheiden können. Unsere Auslegungen bleiben menschlich, begrenzt und fehlbar. Genau daraus erwächst Demut. Ein erwachsener Glaube hat deshalb keine Angst vor Vernunft, Wissenschaft, Zweifel oder anderen Perspektiven. Er lässt sich befragen und bleibt gerade dadurch lebendig.

„Wer antimuslimischen Rassismus benennt, darf beim Antisemitismus nicht schweigen“

epd: Eine Vision von Ihnen ist, dass Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Wie meinen Sie das genau?

Karimi: Mich stört eine Konkurrenz des Leidens. Der Schutz jüdischen Lebens relativiert antimuslimischen Rassismus nicht. Und wer antimuslimischen Rassismus benennt, darf beim Antisemitismus nicht schweigen. Dabei bleibt die Schoah in ihrer historischen Singularität zu achten. Zugleich müssen wir Antisemitismus auch innerhalb muslimischer Kontexte klar benennen und bekämpfen. Entscheidend ist für mich: Die Würde des Menschen ist unteilbar. Ich kann sie nicht nur dort verteidigen, wo meine eigene Gemeinschaft betroffen ist.

„Gewalt beginnt oft schon dort, wo Menschen religiös abgewertet werden“

epd: Sie schreiben, dass Sie als Kind in Afghanistan erleben mussten, dass Menschen im Namen Gottes Angst verbreiten. Was kann gegen eine solche religiös begründete Gewalt getan werden?

Karimi: Diese Erfahrung hat mich tief geprägt. Deshalb reicht es mir nicht, bei religiös begründeter Gewalt zu sagen, sie habe mit Religion nichts zu tun. Wir müssen theologisch fragen, welche Gottesbilder, Menschenbilder und Auslegungen Gewalt legitimieren können. Gewalt beginnt oft schon dort, wo Menschen religiös abgewertet und zu Feinden erklärt werden. Dagegen braucht es Bildung, Selbstkritik und eine Theologie, die der Instrumentalisierung Gottes widerspricht. Wer Gott für die eigene Gewalt in Anspruch nimmt, macht Gott zum Mittel menschlicher Macht.

epd: Was für einen Mehrwert bieten aus Ihrer Sicht Religion allgemein und der Islam im Speziellen für unsere Gesellschaft?

Religion kann Menschen helfen, Verantwortung zu übernehmen

Karimi: Religion muss ihren Wert nicht erst durch gesellschaftliche Nützlichkeit beweisen. Sie stellt Fragen, die sich nicht erledigen: Wofür lebe ich? Worauf hoffe ich? Wie gehe ich mit Leid, Schuld und Tod um? Was trägt mich, wenn meine eigenen Möglichkeiten an ihre Grenzen kommen? Daraus entsteht zugleich gesellschaftliche Verantwortung. Der Islam verfügt dafür über wichtige Ressourcen: Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Verantwortung, Spiritualität und die Verpflichtung zum Denken. Eine lebendige Religion kann Menschen darin stärken, sich selbst nicht absolut zu setzen, Verantwortung für andere zu übernehmen und die Würde jedes Menschen zu achten.