Mit Waffen gegen Waffengewalt?

Washington (epd). Talkshows, Politiker-Debatten, Gespräche im Weißen Haus mit Opfern: Seit dem Massaker in der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland am 14. Februar, bei dem ein Attentäter 17 Menschen erschoss, sind Waffen Thema Nummer eins in den USA. In der Vergangenheit änderten Trauer und Entrüstung nach Amokläufen wenig. So war es im vergangenen Jahr nach dem Angriff eines schwer bewaffneten Einzeltäters auf Konzertbesucher in Nevada mit 58 Toten oder nach der Bluttat in einer Kirche in Texas mit 26 Toten. Und so war es auch nach dem Attentat in einem Nachtclub in Orlando im Sommer 2016 mit 49 Ermordeten.

Doch nach Parkland ist etwas anders: Die Leidtragenden, Freunde der ermordeten Teenager und Lehrer, machen Druck. Die jungen Menschen sind laut, demonstrieren, geben Interviews, sprechen bei Politikern vor. Für den 24. März planen sie nationale Kundgebungen. "Wenn der Präsident nur Gedanken und Gebete schicken kann, ist es an der Zeit, dass die Opfer etwas verändern", sagte die 18-jährige Emma González drei Tage nach dem Massaker. Das Video ihrer leidenschaftlichen Ansprache lief auf CNN. Der Protest kommt zu einer Zeit, in der sich zahlreiche junge Menschen gegen Präsident Donald Trump engagieren.

Schusswaffenlobbyverbände, die Kontrolle ablehnen, halten sich gewöhnlich zurück in den ersten Tagen nach Massakern, wohl in der Hoffnung, die Aufregung werde sich schon legen. Diesmal ging die nach eigenen Angaben fünf Millionen Mitglieder zählende "National Rifle Association" rasch in die Offensive. NRA-Chef Wayne LaPierre attackierte am Donnerstag "Opportunisten", die den Vorfall "zu politischen Zwecken" nutzen wollten.

Diese Opportunisten wollten das in der US-Verfassung verbürgte Recht auf Schusswaffenbesitz abschaffen, "so dass sie alle unsere persönlichen Freiheitsrechte abschaffen können", wetterte LaPierre. In einem Video beschimpfte die NRA die Presse: Tragödien seien das Geschäftsmodell der Medien, da sie für gute Einschaltquoten sorgten.

Schusswaffen sind weit verbreitet in der US-Gesellschaft. Wie das Forschungsinstitut "Pew Research Center" im vergangenen Jahr ermittelte, besitzen 30 Prozent der Amerikaner mindestens eine Schusswaffe. Etwa drei Viertel der Besitzer erklärten, ihre Waffe sei "essentiell für ihre Freiheit". Vor allem weiße Männer bewaffnen sich.

Für US-Kirchen ist die Waffenfrage schwierig. In vielen Gemeinden beten Waffenbesitzer mit. Der Präsident der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Daniel DeNardo, rief zur "Einheit" auf beim Engagement für eine "Gesellschaft mit weniger Tragödien durch sinnlose Schusswaffengewalt". Fernsehpredigerin Paula White, eine Top-Glaubensberaterin von Trump, sagte, sie sei entsetzt. Gott möge den "Menschen mit gebrochenem Herzen nahe sein".

Die Leitende Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika, Elizabeth Eaton, bat um Gottes Beistand für einen Gezeitenwechsel bei der Verfügbarkeit von Schnellfeuerwaffen und der psychiatrischen Gesundheitsversorgung. Der ökumenische Nationale Kirchenrat appellierte an die Politik, die "Angst vor der Schusswaffenlobby abzuschütteln".

Die letzten Maßnahmen zur Verschärfung der Schusswaffenkontrolle liegen lange zurück. 1994 beschloss der Kongress ein Verbot bestimmter Sturmgewehre. Die Laufzeit des Gesetzes war allerdings auf zehn Jahre begrenzt. 1998 wurden Hintergrundüberprüfungen bei Waffenkäufen von Händlern eingeführt. Für Privatkäufe gibt es diese Checks nicht. Der Todesschütze von Parkland erwarb seine Waffe anscheinend legal.

Trump äußerte beim Treffen mit Überlebenden des Massakers Verständnis und betonte: "Wir müssen etwas tun." Er schlug die Bewaffnung von Lehrern vor. Außerdem will der Präsident das Mindestalter für den Waffenkauf auf 21 Jahre festlegen sowie Vorrichtungen zum Umbau von halbautomatische auf vollautomatischen Waffen verbieten.

Gleichzeitig twitterte Trump, Wayne LaPierre und NRA-Mitarbeiter seien "großartige amerikanische Patrioten". Der Präsident hat sich den Umständen angepasst. Im Jahr 2000 schrieb er in einem seiner Bücher, er befürworte ein Verbot von Sturmgewehren. Im Wahlkampf dann versprach er der NRA, sie werde mit ihm einen guten Freund haben im Weißen Haus.