Mit der Frisbeescheibe für den Frieden
Benjamin Splitt bietet im Nordirak Ultimate Frisbee Training an. Bei dem Sport ohne Schiedsrichter sollen Kinder und Jugendliche lernen, Konflikte friedlich zu lösen - und Vorurteile abzubauen.
Stuttgart, Gevelsberg (epd). Vor zehn Jahren wurde der Nordirak vom „Islamischen Staat“ befreit. Doch die Folgen des IS sind bis heute spürbar: Menschen werden noch immer vermisst, Kinder wachsen in Flüchtlingslagern auf, und viele, vor allem jesidische Frauen mit ihren Familien, sind durch das Erlebte traumatisiert. In dieser Region arbeitet Benjamin Splitt aus dem nordrhein-westfälischen Gevelsberg. Gemeinsam mit einer christlichen lokalen Partnerorganisation baut der Entwicklungshelfer ein Sportprojekt auf, das in der Region einzigartig ist: Ultimate Frisbee für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene.
Für die eher unbekannte Sportart, die er bei seinem Studium in Basel entdeckte, gibt es für Splitt einen besonderen Grund. „Das ist ein Sport ohne Schiedsrichter. Das heißt, man unterrichtet nicht nur einen Sport, sondern man unterrichtet direkt auch Werte. Im Englischen nennt man das 'Spirit of the Game'“. Auf dem Platz müssen die Spieler Foul-Rufe und Linienentscheidungen selbst klären. Nach jedem Spiel wird gemeinsam besprochen, was gut lief und wo es Konflikte gab.
Unterschiedliche Volksgruppen - ein Team
Beim Ultimate Frisbee spielen Gruppen zusammen, die sonst kaum miteinander zu tun haben: Jesidische Geflüchtete, Kurden sowie assyrische und chaldäische Christen. Auf dem Weg zu einem Sportprojekt gestand ihm vor einiger Zeit ein junger Kurde: „Das ist das erste Mal, dass ich ein jesidisches Dorf betrete.“ Dabei war er nur wenige Kilometer von zu Hause entfernt.
Doch sobald die Scheibe auf dem Sportplatz fliegt, verändert sich etwas: „Wenn die Leute sich dann begegnen, ist es auf einmal nicht mehr so sehr: Ich bin Jeside und du Kurde. Sondern auf einmal merkt man: Ah, du liebst diesen Sport auch, den ich so mag, wir können zusammen in einem Team spielen.“
Nach dem Studium der Sozialarbeit und Theologie fuhr Splitt ein Jahr auf seinem Fahrrad über den Balkan bis in den Nahen Osten. Dort entstanden die ersten Freundschaften zu Irakern. 2020 entschied er sich, mit der Stuttgarter Organisation „Coworkers“ in den Nordirak zu gehen.
Mädchen gehören beim Training dazu
Weil Ultimate Frisbee üblicherweise gemischt gespielt wird, versucht Splitt, auch Mädchen und Frauen für den Sport zu gewinnen - obwohl Sport im Nordirak meist Männersache ist. Das stößt nicht überall auf Begeisterung. Auf dem Sportplatz rufen Zuschauer den Mädchen manchmal „'Eib!“ („Schande!“) zu, sagt der Sozialarbeiter. Trotzdem hält er an gemischten Teams fest.
Um Vorbehalte abzubauen, besucht er Familien persönlich und wirbt bei den Eltern für das Training. Dennoch sei es häufiger so, dass Mädchen mit 16 oder 17 Jahren abrupt aufhörten, weil die Familien wollten, dass sie zu Hause bleiben und heiraten, sagt Splitt.
Der 36-Jährige freut sich, wenn er sieht, dass der Sport Menschen verändert. „Eine jesidische Spielerin schrieb, nachdem sie an einem Turnier im Ausland teilgenommen hatte, in einem Schulaufsatz, dass Ultimate Frisbee ihr die Augen geöffnet und ihr gezeigt hat, dass sie als Frau Sport machen und etwas erreichen kann.“
Der Sozialarbeiter, der auch in Traumaarbeit ausgebildet ist, ist überzeugt, dass das Spiel mit der Scheibe in einem Land, das Krieg und Terror erlebt hat, auch noch einen anderen positiven Effekt haben kann. „Die gezielte körperliche Aktivität kann mental viel verändern und bei traumatischen Erfahrungen bis zu einem gewissen Grad sogar heilsam sein.“
Fair Play ist wichtiger als der Sieg
Inzwischen spielen im Nordirak mehrere hundert Kinder und Jugendliche und im gesamten Irak über 300 Erwachsene in festen Teams und unterschiedlichen Ligen. Mehr als 50 einheimische Trainerinnen und Trainer hat Splitt bereits ausgebildet. „Ich sehe, wie durch den Sport tiefe Freundschaften zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen entstanden sind.“
Bald soll auch im Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden, dem Shingal, Ultimate-Frisbee-Training angeboten werden, sobald eine behördliche Genehmigung vorliegt. Viele Jesiden, die während der Herrschaft der Terrororganisation IS vertrieben wurden, kehren inzwischen in ihre Heimat zurück. Einige haben bereits in Dohuk oder anderen Städten am Frisbee-Training teilgenommen und wünschen sich ein Angebot im Shingal.
Bereits bei vier Turnieren im arabischsprachigen Ausland hat eine Auswahl der Frisbee-Spieler den Irak vertreten. Anfang November geht es zu den „MENA Ultimate Cup Championships“ nach Ägypten. „Wir sind sportlich noch weit davon entfernt, Erster zu werden. Aber wir sind zweimal als fairstes Team gewählt worden - das ist für mich eigentlich die größere Auszeichnung“, sagt Splitt.