Militärbischof: Höhere Anforderung an Körper und Seele

Militärseelsorge ist für Soldatinnen und Soldaten wichtig, auch weil sich die weltpolitische Lage zugespitzt hat. Um Friedensethik, den neuen Wehrdienst und Halt in Krisen geht es Donnerstag im Michel.

Hamburg (epd). Frieden - ein Begriff, der wohl jeden derzeit bewegt. Auch in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis soll ein Blick darauf geworfen werden. Der Donnerstagsabend des 4. Juni (19 Uhr) steht unter dem Motto: „Im Auftrag des Friedens unterwegs“. Der Impuls zur Veranstaltung sei von der friedensethischen Denkschrift „Welt in Unordnung - Gerechter Friede im Blick“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ausgegangen, sagt Pastorin Corinna Senf.

Im Mittelpunkt steht die Militärseelsorge, „weil die evangelische Kirche diese als eine unverzichtbare Gewissensbegleitung für Soldatinnen und Soldaten und notwendigen kirchlichen Dienst, gerade angesichts der gestiegenen sicherheitspolitischen Herausforderungen, begreift“, erklärt Senf. Zu Gast wird an diesem Abend Militärbischof Bernhard Felmberg sein.

Neue Bedrohungsszenarien

Die Menschen, die sich für den Dienst in der Bundeswehr entschieden haben, treten für Freiheit und Demokratie ein. Doch anders als vor zehn Jahren hätten die Bedrohungsszenarien eine neue Qualität erreicht, erklärt der Militärbischof vorab. „Die Fragen der Soldatinnen und Soldaten sind existenzieller geworden, weil es in der Landes- und Bündnisverteidigung um den Schutz des eigenen Lebens, das Leben meines Nächsten und um die Sicherung unserer demokratischen Gesellschaft geht.“ Die Anforderungen an Militärseelsorgende, an Körper und Seele, seien gestiegen.

Anders als in der Zivilgesellschaft sei die Bindung an die Kirche in der Truppe höher, erklärt Felmberg. Laut einer Studie von EKD und Bundeswehr geben 90 Prozent der befragten Soldatinnen und Soldaten an, dass ihnen die Militärseelsorge wichtig ist, im Inland ebenso wie im Auslandseinsatz. Sie sei ein geschützter Raum außerhalb der militärischen Hierarchie. „Wenn es um tiefgreifende Lebensfragen, Ängste oder moralische Belastungen geht, wird diese seelsorgerliche Verschwiegenheit hochgeschätzt.“

„Botschaft des Freidens“ im Michel

An dem Abend im Michel werde es um die „Botschaft des Friedens“ gehen. Sie bewege viele Menschen angesichts einer Welt, die von Gewalt, Leid und Kriegen bestimmt ist, sagt Corinna Senf. Auch zu ihrer Alltagserfahrung als Pastorin und Mutter gehörten diese Fragen und Herausforderungen. „Dabei rückt die Bundeswehr, nicht zuletzt wegen der Debatte um den neuen Wehrdienst, in den Fokus.“

Seit dem 1. Januar schickt die Bundeswehr Fragebögen zur Wehrerfassung an Menschen, die ab dem 31. Dezember 2008 geboren sind. An Abendbrottischen, in Schulen und Jugendgruppen werde seitdem diskutiert, sagt Julika Koch aus dem Referat Friedensbildung im Ökumenewerk der Nordkirche.

Mehr Beratungen für Wehrdienstverweigerer

EKD-weit steige die Zahl der sogenannten Beratungen zur Gewissensbildung, die die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) anbietet. Seit Anfang des Jahres biete die Nordkirche die Beratungen, die zuvor von anderen Landeskirchen gemacht worden sind, selbstständig an. „Wenn zukünftig aus einem freiwilligen Wehrdienst eine Wehrpflicht werden sollte, dann wird der Beratungsbedarf weiter steigen“, vermutet Koch.

In den Beratungen werden junge Menschen begleitet. „Es steht uns in keiner Weise zu, Menschen auf diesem Weg zu lenken“, betont Koch. Bisher seien die meisten Ratsuchenden bereits tendenziell entschieden, den Kriegsdienst aus Gewissensgründen zu verweigern. Thema sei deshalb häufig: „Wie kann einem Juristen, der den Antrag im Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bearbeitet, schriftlich vermittelt werden, wie das eigene Gewissen geformt wurden.“

Welchen Wert hat Demokratie?

Geht es nach Militärbischof Bernhard Felmberg, sollten junge Menschen sich zuerst fragen, wie sie zur Demokratie stehen. „Unter welchen Bedingungen möchte ich leben? Welchen Wert haben unsere demokratischen Grundrechte?“ Erst dann stelle sich die Frage, in welcher Form sie bereit seien, sich selbst in die Verantwortung zu stellen. „Und in letzter Konsequenz wird man sich fragen: Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, diese Freiheit zu verteidigen?“

Ein Nein bedeute, sich bewusst zu machen, dass andere für diese Freiheit und Demokratie im Fall der Fälle ihr Leben einsetzen, betont Felmberg. „Und wenn es wirklich Gewissensgründe sind und nicht gewisse Gründe, die mir den Dienst an der Waffe nicht erlauben, dann muss ich mir die Frage beantworten, wo mein Platz ist, diese Gesellschaft resilient zu machen.“ Bei der Frage nach der Bereitschaft zum Wehrdienst geht es für ihn um eine reife, persönliche Abwägung, „ob ich die eigene Lebensplanung mit dem Eintreten für eine wehrhafte Demokratie verbinde oder ob ich nur nehmen möchte und nicht zum Geben bereit bin“.

Was hart klingt, ist angesichts der weltpolitischen Lage, der Krisen, Kriege und des erstarkenden Populismus eine wichtige ethische Frage. Das Gebot „Du sollst nicht töten“ bedeute in letzter Konsequenz auch: „Du sollst nicht zulassen, dass gemordet wird.“

Leben in Frieden ist gefährdet

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine habe die Brutalität des Krieges wieder stärker ins europäische Bewusstsein gerückt. „Wir sehen, wie Zivilisten gezielt beschossen, Kinder deportiert und Krankenhäuser bombardiert werden.“ Es sei die Bundeswehr, die die Demokratie verteidigt, sagt Felmberg. Ein Einsatz im Krieg diene dem Frieden, weil ein gerechter Frieden unabdingbar mit Freiheit und Demokratie verbunden sei. Wohingegen die Unterwerfung unter einen Aggressor ein ungerechter Friede wäre.

Wenngleich in Deutschland seit Jahrzehnten ein Leben in Frieden möglich ist, sei dieser gefährdet. Eine andere Vorstellung sei für viele fremd. Bedrohungslagen weiter zu verdrängen, sei aber nicht hilfreich. „Wir müssen als wehrhafte Demokratie so resilient und abwehrbereit werden, dass Aggressoren einen Angriff gar nicht erst wagen“, erklärt Felmberg. Dazu gehöre auch, für einen Stromausfall ausgestattet zu sein oder zu wissen, welche Hilfen in der Nachbarschaft möglich und nötig sind.

„Vielfach nehme ich in privaten Gesprächen wahr, dass solche sicherheitspolitischen und lebenspraktischen Fragen noch immer ausgeblendet werden.“ Vorsorge wie in den skandinavischen oder baltischen Staaten sei wichtig, das gelte auch für die evangelische Kirche. „Sie befassen sich völlig pragmatisch mit Krisenvorsorge und gesamtstaatlicher Verteidigung, weil sie genau wissen, was ihnen ihre Freiheit wert ist.“ Dennoch gehörten auch das Gebet und die Bitte um Gottes Wirken dazu.

Demokratie stärken

„Frieden wiederherzustellen und gerechten Frieden nachhaltig zu festigen, ist natürlich ‚die‘ Herausforderung unserer Zeit und komplex“, sagt Corinna Senf. Sie erinnert an Jesu Wort: Selig sind, die Frieden stiften. „Es bedeutet, allen humanitär und seelsorgerlich beizustehen, denen Leid widerfährt und die von Not und Krieg betroffen sind“, sagt Senf und ergänzt: „Es meint auch den Schutz und die Stärkung unserer Demokratie und die Förderung sämtlicher friedensfördernder Projekte.“

Neben der biblischen Zusage für Frieden gibt Felmberg auch der weltliche Blick in die Geschichte Halt. „Wir haben immer wieder erlebt, dass Diktaturen, Kriege und Krisen überwunden werden können.“ Seien es der Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg oder die Friedliche Revolution in der DDR. Diese Beispiele zeigten, dass das Streben nach Freiheit und Demokratie stärker als alle Unterdrückung ist. „Das macht mir Mut.“