Mehr als 100 Tote bei heftigen Kämpfen mit Taliban in Afghanistan

Kabul (epd). Bei Kämpfen zwischen Taliban und Regierungstruppen in der afghanischen Stadt Ghasni sind Medienberichten zufolge bislang über 100 Menschen ums Leben gekommen. Unter den Opfern sollen auch zahlreiche Zivilisten sein, wie afghanische Medien am Sonntag unter Berufung auf Krankenhauspersonal in der Stadt berichteten. Wegen der seit Freitag andauernden Kämpfe ist die Lage in Ghasni unübersichtlich. Die Taliban sollen Teile der Stadt unter ihrer Kontrolle gebracht haben und versuchen, Regierungsgebäude zu stürmen. Viele Einwohner sollen auf der Flucht in die Hauptstadt Kabul sein.

Laut Angaben von Armeechef Mohammed Scharif Yaftali vom Sonntag sollen alle Regierungsgebäude in der Provinzstadt noch in den Händen der Regierung seien. Die Operation verlaufe langsam, weil sich die Taliban in den Häusern versteckt hielten, sagte Yaftali. Die Telefon- und Internetverbindungen in Ghasni waren seit Freitag größtenteils unterbrochen. 

Am Freitagmorgen hatten Hunderte islamistische Kämpfer die Stadt überrannt und damit erneut ihre Stärke demonstriert. Afghanische Truppen, unterstützt von Nato- und US-Kräften, versuchen seither, die Stadt wieder in ihre Gewalt zu bringen. Durch Ghasni, 150 Kilometer südwestlich von Kabul gelegen, führt die strategisch wichtige Verbindungsstraße zwischen Kabul und der Stadt Kandahar im Süden des Landes. Die Straße blieb wegen der Kämpfe am Wochenende gesperrt.

Der ehemalige Chef des afghanischen Nachrichtendienstes, Assadullah Khalid, kritisierte, dass bislang keine militärische Verstärkung nach Ghasni geschickt worden sei. Der Hauptgrund für den Fall von Ghasni an die Taliban sei die Nachlässigkeit der Sicherheitskräfte, sagte Khalid. Die Regierung verschweige den Ernst der Lage: "Die Taliban sind in der Stadt. Die Stadt brennt und die Leichen von Soldaten und Polizisten liegen auf den Straßen." Parlamentarier und Regierungsvertreter aus Ghasni würden seit Monaten von den Taliban bedroht, doch die Regierung in Kabul habe dies einfach ignoriert.

Der Angriff auf Ghasni ist eine der größten Aktionen der Taliban in letzter Zeit. Im Mai gelangten die Islamisten für kurze Zeit die Kontrolle über die Stadt Farah. 2015 und 2016 hatten sie die nordafghanische Stadt Kundus für einige Tage eingenommen. Mit dem erneuten Vorstoß zeigten sich die Taliban in der Lage sind, die Hauptstadt von den wichtigen Südprovinzen abzuschneiden.

Zudem schwinden die Hoffnungen auf eine neue Waffenruhe in Afghanistan. Die Regierung in Kabul verhandelt derzeit mit den Taliban über eine neue Kampfespause zu den anstehenden Feiertagen. Präsident Aschraf Ghani hatte erklärte, eine Waffenruhe zum islamischen Eid-al-Adha-Fest sei "wichtig". Eid-al-Adha findet in diesem Jahr voraussichtlich zwischen dem 21. und 25. August statt. Das Opferfest ist einer der wichtigsten Feiertage in der islamischen Welt.

Im Juni hatten die Taliban überraschend einer dreitägigen Kampfespause zum Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan zugestimmt. Im ganzen Land kam es zu Verbrüderungsszenen zwischen Taliban-Kämpfer und Soldaten, die sich umarmten und miteinander das Ende der Fastenzeit feierten. Es war das erste Mal seit Beginn des Konfliktes 2001, das die Taliban in einen befristeten Friedenschluss eingewilligt hatten.