Landessuperintendent: Engagement für Geflüchtete wichtiger denn je

Engagement für Geflüchtete oder Abbau des Sozialstaats: Der Lippische Landessuperintendent Arends sieht die Kirche in der Verantwortung, Partei zu ergreifen und sich einzumischen.

Detmold (epd). Mit Blick auf eine restriktive Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ist nach Worten des scheidenden Lippischen Landessuperintendenten Dietmar Arends das kirchliche Engagement für Geflüchtete besonders wichtig. In der öffentlichen Debatte gehe es fast nur noch um die Fragen „Wie können wir verhindern, dass Menschen zu uns kommen?“ und „Wie können wir Menschen wieder wegschicken?“, sagte Arends in Detmold dem Evangelischen Pressedienst (epd). Es werde nicht mehr darauf geschaut, „warum diese Menschen hier sind, was sie auf die Flucht getrieben hat oder wie sie in anderen Ländern behandelt“ würden.

„Wir haben hier als Kirche eine große Verantwortung“, sagte der Landessuperintendent. „Unser Engagement für Geflüchtete halte ich für wichtiger denn je“, betonte Arends, dessen zwölfjährige Amtszeit an der Spitze der Lippischen Landeskirche Ende des Monats endet.

„Abbau des Sozialstaats wäre der falsche Weg“

Kritisch bewertete Arends auch die aktuelle Debatte der Bundesregierung über Rentensicherheit, Krankheitstage und Kosten des Sozialstaats. Die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer weiter auseinander, sagte er. „Deshalb kann man nicht davon sprechen, dass das Problem gelöst ist, wenn im sozialen Bereich die Ausgaben gekürzt werden.“ Ein Staat habe eine Verantwortung für die Schwächeren. Ein Abbau des Sozialstaats wäre ein falscher Weg.

Mit Blick auf sinkende Einnahmen und Mitgliederzahlen bewertete Arends Fusionen mit Nachbarkirchen skeptisch. Aus finanziellem Grund fusionieren zu wollen, halte er für „keine kluge Idee“: „Ich glaube nicht, dass das billiger wird.“ Nach seiner Erfahrung „können kleine Einheiten oft Dinge einfacher, schlanker und günstiger umsetzen“. Wichtig sei es, die Kooperation der drei evangelischen Kirchen in Nordrhein-Westfalen weiter auszubauen.

Der 63-jährige Arends wird in einem Gottesdienst am 28. Februar in Detmold von der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs, entpflichtet. Arends stand zwölf Jahre an der Spitze der Lippischen Landeskirche mit aktuell 126.000 Mitgliedern und 65 Kirchengemeinden. Die Lippische Landessynode werde darüber entscheiden, wann und wie die Stelle des Landessuperintendenten oder der Landessuperintendentin neu ausgeschrieben wird, erklärte die Landeskirche.

Das Interview im Wortlaut:

epd: Sie haben in Ihrem Amt zu aktuellen Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft deutlich Position bezogen. Wie bewerten Sie die aktuelle Debatte der Bundesregierung über Rentensicherheit, zu viele Krankheitstage und Kosten des Sozialstaats?

Arends: Einiges aus dieser Debatte löst bei mir Verärgerung aus, weil in einer Weise über andere Menschen gesprochen wird, die absolut unangemessen ist. Wenn pauschal gesagt wird, wir sind im Durchschnitt zu lange krank, dann sollten wir uns Gedanken über unser Gesundheitssystem und über die Vorsorge machen. Aber den Leuten pauschal zu unterstellen, sie würden „krankfeiern“, ist ein absolutes Unding. Wir haben in unserem Land viel erreicht, was soziale Absicherung angeht. Es wäre fatal, das aufs Spiel zu setzen.

Abbau von Sozialstaat ist der falsche Weg

Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Deshalb kann man nicht davon sprechen, dass das Problem gelöst ist, wenn im sozialen Bereich die Ausgaben gekürzt werden. Jetzt einen Abbau des Sozialstaats voranzutreiben, halte ich für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und für die Verantwortung, die ein Staat auch für die Schwächeren hat, für den falschen Weg.

epd: Wie bewerten Sie, dass Deutschland wieder „kriegstüchtig“ werden soll?

Arends: Wenn viele jetzt von „kriegstüchtig“ sprechen und ein militärischer Sprachgebrauch Teil der Alltagssprache wird, mache ich mir darüber große Sorgen. Unsere Aufgabe muss es sein, alles zu tun, damit Frieden möglich ist. Das muss sich auch in unserer Sprache zeigen. Wenn wir das Militärische jetzt so nach vorne stellen, dann weiß ich nicht, wo uns das hinführt.

Militärischer Sprachgebrauch besorgniserregend

Als Kirche müssen wir immer wieder die Stimme erheben: Es ist wichtig, miteinander zu reden und Wege der Verständigung zu finden. Auch wenn das mit manchen Menschen in dieser Welt sehr schwierig ist, darf man nicht müde werden, es zu versuchen.

epd: Wie stehen Sie zu einer Wiedereinführung der Wehrpflicht?

Arends: Es könnte sein, dass eine Wehrpflicht nötig wird. Wenn wir eine Wehrpflicht einführen, müssen wir uns aber auch Gedanken darüber machen, was mit den Menschen ist, die keinen Wehrdienst leisten wollen oder aus Gewissensgründen nicht können. Es müsste wieder eine Struktur für einen zivilen Dienst aufgebaut werden.

Wenn es zu einer Wehrpflicht käme, noch haben wir ja keine wirkliche Wehrpflicht, dann wird man auch wieder über andere Aufgaben nachdenken, die Menschen gut machen können, die nicht zum Militär gehen wollen oder können.

epd: Im vergangenen Jahr haben Sie scharf kritisiert, dass sich Vertreter der AfD für den Kommunalwahlkampf vor lippischen Kirchen präsentiert haben. Was hat Sie genau daran gestört?

Arends: Wenn wir darüber sprechen, dass wir für christliche Werte eintreten, dann müssen wir klar machen, was das für Werte sind. Vieles von dem, was das Parteiprogramm der AfD vorsieht, widerspricht christlichen Werten. Das betrifft den Umgang mit den Schwächeren oder mit Menschen internationaler Herkunft. Viele Dinge sind absolut nicht vereinbar mit dem christlichen Glauben.

epd: Das Engagement für Geflüchtete war Ihnen immer sehr wichtig. Wie bewerten Sie die aktuelle Flüchtlingspolitik? Und was bedeutet das für das Engagement der Kirchen in diesem Bereich?

Arends: Unser Engagement für Geflüchtete halte ich für wichtiger denn je. Es gibt, das muss man leider sagen, nicht mehr viele gesellschaftliche Gruppen, die sich für Geflüchtete engagieren. In unserer Gesellschaft hat es eine dramatische Veränderung in den letzten Jahren gegeben. In der öffentlichen Debatte geht es fast nur noch um die Fragen „Wie können wir verhindern, dass Menschen zu uns kommen?“ und „Wie können wir Menschen wieder wegschicken?“.

Nicht mehr viele Gruppen, die sich für Geflüchtete engagieren

Da wird nicht mehr darauf geschaut, warum diese Menschen hier sind, was sie auf die Flucht getrieben hat oder wie sie in anderen Ländern behandelt werden. Darauf müssen wir unser Augenmerk richten. Wir haben hier als Kirche eine große Verantwortung, auch wenn wir keine Mehrheit hinter uns haben.

epd: Die Lippische Kirche befindet sich in einem Strukturprozess - was hätten Sie gern noch umgesetzt?

Arends: Wir haben für unseren Zukunftsprozess im vergangenen Jahr eine Zukunftssynode gehabt. Das war ein sehr wichtiger Meilenstein für unsere Kirche. Wir haben uns über den zukünftigen Weg unserer Kirche verständigt. Ein wesentlicher Baustein dabei ist die sogenannte regio-lokale Kirchenentwicklung. Das heißt, dass wir Gemeinden, Institutionen, diakonische Einrichtungen und andere Player vor Ort motivieren wollen, in Regionen stärker zusammenzuarbeiten. Diesen Prozess, der jetzt begonnen hat, hätte ich gerne noch weiter begleitet. Es gibt viele Entwicklungen, bei denen ich sehr gespannt bin, wie es an diesen Stellen weitergeht.

epd: An welche Entwicklungen denken Sie dabei?

Arends: Die interkulturelle Öffnung von Kirche halte ich für einen ganz wesentlichen Faktor für die Zukunft von Kirche. Ebenso die Sozialraumorientierung mit der Frage, wie wir die Menschen wahrnehmen, mit denen wir vor Ort zu tun haben. Früher war Kirche einfach da, und es waren die Menschen da, die zur Kirche gehörten. Dadurch, dass sich das sehr verändert hat, müssen wir stärker neu hingucken, mit welchen Menschen wir in der Gesellschaft zusammenleben und wo wir mit diesen Menschen gemeinsam unterwegs sein können.

epd: Es muss auch deutlicher gespart werden als in den vergangenen Jahren. Wo sehen Sie die Lippische Landeskirche in zehn Jahren?

Arends: Meine Vision ist, dass wir eine Kirche sind, in der wir diese lokale Kirchenentwicklung umgesetzt haben, die Regionen eine große Rolle spielen und dass es gelungen ist, in diesen Regionen bestimmte Schwerpunkte zu setzen. Es wird nicht mehr so sein, dass wir in jeder Kirchengemeinde vor Ort das volle Programm machen können. Kirchengemeinden werden kleiner, das Personal wird weniger, auch die Mittel werden geringer. Insofern wird es auch darauf ankommen, dass wir unterschiedliche Schwerpunkte haben und dass wir die dann aber auch wirklich gut machen und damit Menschen erreichen.

Auch eine künftige Kirche sollte sozial engagiert sein

Natürlich werden wir in zehn Jahren eine Kirche sein, die erheblich schlanker aufgestellt ist. Der finanzielle Druck ist enorm, und damit müssen wir umgehen. Ich hoffe aber, dass wir trotzdem eine Kirche sind, die sich weiter sozial engagiert und das vielleicht sogar noch stärker tut, indem sie eben diese Sozialraumorientierung noch stärker nach vorne stellt.

epd: Braucht es angesichts der ähnlichen Situation der Kirchen mit sinkenden Einnahmen und Mitgliederzahlen eine eigenständige Lippische Landeskirche? Wäre ein Zusammenschluss mit Nachbarkirchen eine Alternative?

Arends: Ich sehe das im Moment nicht. Aber wer weiß, wohin die Entwicklung geht. Wenn man das finanziell begründet, müsste man aber erst einmal vorrechnen, dass es wirklich günstiger wird in einer großen Einheit. Nach meiner Erfahrung können kleine Einheiten oft Dinge einfacher, schlanker und günstiger umsetzen. Inhaltlich hätte eine gemeinsame NRW-Kirche ein anderes Standing. Darüber könnte man nachdenken. Aber aus finanziellem Grund fusionieren zu wollen, halte ich für keine kluge Idee. Ich glaube nicht, dass das billiger wird.

Zweifel an Einsparungen durch Kirchenfusion

Wichtig ist, dass wir die Kooperation der drei Kirchen weiter ausbauen. Da haben wir in den letzten Jahren viel gemacht: Wir haben das gemeinsame Diakonische Werk gegründet. Wir haben eine gemeinsame Vertretung bei Landesregierung und Parlament und vieles andere mehr, was wir gemeinsam machen. Das sollten wir ausbauen, dazu sind wir in Gesprächen. Das ist zunächst mal der umsetzbare nächste Schritt.

epd: Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken, was ist Ihnen besonders wichtig gewesen?

Arends: Wichtig war mir immer, dass wir versuchen, als Kirche einen gemeinsamen Weg zu finden. Das mit zu ermöglichen, ist mir immer sehr wichtig gewesen. Im Zentrum meiner Amtszeit stand dabei die Zukunftsdiskussion.

Kirche hat eine Stimme in der Gesellschaft

Ich bin auch der Überzeugung, dass Kirche eine Stimme in der Gesellschaft hat, die sie auch wahrnehmen muss. Es gibt ja Menschen, die sagen, Kirche soll nicht so politisch sein. Ein Blick in die Bibel zeigt einem sehr schnell, dass unsere Botschaft natürlich politisch ist. Nicht parteipolitisch, aber sie ist politisch, weil sie Partei nimmt, zum Beispiel für die Schwächeren in einer Gesellschaft. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte biblische Überlieferung. Kirche muss sich gesellschaftlich engagieren. Auch das ist Kern der Kirche.

„Vorkommnisse sexualisierter Gewalt schwer zu ertragen“

epd: Was waren besonders negative Erfahrungen?

Arends: Das ist natürlich das Thema sexualisierte Gewalt in der Kirche. Ich hätte mir am Anfang meiner Amtszeit nie vorstellen können, dass das einen solchen Raum einnimmt, wie es das aber zu Recht tut. Das hat auch viel mit mir gemacht. Die Vorkommnisse sexualisierter Gewalt in der Vergangenheit unserer Kirche sind nur sehr schwer zu ertragen. Wir haben in den letzten Jahren versucht, einen Weg zu finden, wie wir damit in unserer Kirche transparent umgehen.

Auch die Zeit der Corona-Pandemie wird mir in prägender Erinnerung bleiben. Niemand kann von sich sagen, er sei fehlerfrei durch diese Zeit gekommen. Aber wir haben es geschafft, miteinander als Kirche durch diese Zeit durchzukommen und an der Seite der Menschen zu sein.

Viel Engagement in das Amt gesteckt

epd: Sie hören früher als ursprünglich geplant auf. Gibt es etwas, was Sie sich vornehmen, was bislang immer zu kurz gekommen ist?

Arends: Meine Amtszeit ist nach zwölf Jahren zu Ende und ich habe auf ein Antreten zu einer Wiederwahl verzichtet. Ich habe diese Entscheidung getroffen, weil das für meine Gesundheit besser ist. Die zwölf Jahre haben schon sehr an meinen Kräften gezehrt, daher ist es gut, jetzt nach zwölf Jahren aufzuhören. Es fällt mir aber sehr schwer. Ich habe das sehr gerne gemacht, habe viel Engagement, Begeisterung da reingesteckt. Und insofern fällt es auch schwer, das loszulassen.

Aber es ist in einem solchen Amt so, dass es vieles gibt, was dabei zurücktritt. Ich freue mich natürlich, mehr Zeit für die Familie zu haben. Ich habe mir ein Rennrad gekauft und werde wieder Radfahren. Ich reise auch sehr gern. Deshalb freue ich mich darauf, mehr Zeit zu haben, mit meiner Frau gemeinsam unterwegs zu sein. Aber auch einfach da sein und Zeit mit den Enkelkindern zu haben. Das ist etwas, das mir wichtig ist.