Konfliktforscher warnt vor Stimmungsumschwung in Corona-Krise
Bielefeld (epd). Der Konfliktforscher Andreas Zick sieht bei lange anhaltenden Einschränkungen in der Corona-Krise die Gefahr eines Stimmungswechsels in der Gesellschaft. Der Streit nehme bereits zu, sagte der Wissenschaftler in Bielefeld dem Evangelischen Pressedienst (epd). Werde die freiwillige Einwilligung immer mehr als erzwungene Einwilligung erlebt, dann orientierten sich Menschen an anderen, die das als Freiheitsentzug interpretieren und revoltieren, warnte Zick.
Es komme daher darauf an, gewünschte Maßnahmen "weiterhin als Bitte und freiwillige Entscheidung zu organisieren", erklärte der Konfliktforscher. Auch müsse der Appell mit ausgewogenen Informationen über Gefahren wie auch mit positiven Nachrichten gekoppelt werden. Der gemeinsame Gesundheitsschutz könne jetzt Gemeinsamkeit schaffen, wie es der Klimaschutz auch in den vergangenen Monaten geschafft habe. "Zwang allein wird das Gegenteil erzeugen", warnte Zick.
Krisen durch Epidemien verstärken laut Zick bei vielen Menschen die Verunsicherung. Damit werde eine Flucht in eine vermeintliche Sicherheit attraktiv. Das könne zu autoritärem Verhalten oder auch zu einer pragmatischen Angepasstheit führen, erklärte der Wissenschaftler. In autoritären Regimen wie Ungarn sei die Gesellschaft durch Verbote sowie Ausgrenzungen von Gruppen in eine autoritäre Situation gebracht worden.
In Deutschland ist die Lage nach Worten Zicks jedoch anders: "Ich denke, wir sind in einem Prozess einer temporären Vergemeinschaftung, der notwendig ist, in Krisenzeiten, die nicht von politischen Krisen gezeichnet sind", sagte der Wissenschaftler. Aktuell suchten Menschen Sicherheit bei denen, die die Krankheit verstehen. Hier seien nicht Autoritäten des Staates, sondern der Ärzte und Wissenschaftler gefragt. "Wir sind in der Pandemie zu einer Expertinnen- und Expertengesellschaft geworden", sagte Zick.
Wenn die Krise jedoch länger andauere, könnten wirtschaftliche Krisen oder soziale Krisen durch die Isolation verstärkt werden, warnte Zick. Ohnmacht mache zudem anfällig für Populismus. Das könne dann Einstellungen stärken, es gäbe minderwertigere Andere und korrupte Eliten. Problematisch werde es, wenn der Logik des Marktes die Gefahrenabwehr für andere geopfert werde, sagte der Wissenschaftler. Das treffe oft Minderheiten, wie die Fälle von geringerer Gesundheitsprävention für Geflüchtete in Unterkünften oder an den Grenzen zeigten.
Das Interview im Wortlaut:
epd: Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn so viele Menschen in der Corona-Krise auf ihre Rechte verzichten?
Zick: Bei Krisen, die durch Epidemien erzeugt werden, steigt die Verunsicherung und damit die Wahrscheinlichkeit einer Flucht in die Sicherheit. Das kann zu autoritärem Verhalten führen, wie aber auch zu einem pragmatischen Konformismus. Wir müssen genauer nach dem Verhältnis der Menschen zu Autoritäten fragen und schauen, ob die Menschen sich gehorsam und aggressiv gegen andere verhalten, oder konform mit Regeln gehen.
Wir müssen auch bedenken, wer die Autoritären im Moment sind. Wir sind in der Pandemie zu einer Expertinnen- und Expertengesellschaft geworden. Menschen suchen Sicherheit bei jenen, die die Krankheit verstehen. Selbst herkömmliche Autoritäten suchen Sicherheit in Forschung und Wissenschaft.
epd: Wovon hängt es ab, dass Menschen sich an Autoritäten orientieren und die Regeln befolgen?
Zick: Das hängt meines Erachtens von vier Faktoren ab: Erstens, dem Kontext, indem die Autoritäten handeln und den sie gestalten. Zweitens dem Ausmaß der Identifikation mit ihnen und drittens dem Ausmaß ob Menschen den Autoritäten auch Expertise zuschreiben. Viertens haben Autoritäten mehr Einfluss, wenn ich sie als prototypisch für Gruppen wahrnehmen, mit denen ich mich identifiziere.
Es ist also weniger davon abhängig, ob Menschen eine autoritäre Persönlichkeit haben. In autoritären Regimen wie Ungarn ist die Gesellschaft durch Verbote, Einschränkungen und Ausgrenzungen von Gruppen autoritär verfasst worden. Da liegt der Autoritarismus nahe. Das ist hier anders.
epd: Wie ist die Situation in Deutschland?
Zick: Ich denke, wir sind in einem Prozess einer temporären Vergemeinschaftung, der notwendig ist, in Krisenzeiten, die nicht von politischen Krisen gezeichnet sind. Es ist eine Vergemeinschaftung, die auf Konformität und Zusammenhalt setzt und getragen ist von sehr unterschiedlichen und zum Teil sogar gegenläufigen Motiven.
Die einen halten sich an Regeln aus Egozentrismus: Sie und ihr nahes Umfeld sollen nicht krank werden. Andere sind altruistisch, sie sind getragen von der Idee der Hingabe für andere. Wieder andere sind pragmatisch orientiert, oder mögen autoritär orientiert sein. Die Kooperation und Vergemeinschaftung wird durch Einhaltung von Regeln temporär erlaubt und hergestellt.
epd: Wie sieht die Zustimmung aus, wenn weiterhin Einschränkungen angeordnet werden?
Zick: Es kommt darauf an, gewünschte Maßnahmen weiterhin als Bitte und freiwillige Entscheidung zu organisieren und den Appell an Normen mit ausgewogenen Informationen über Gefahren wie auch positiven Nachrichten zu koppeln. Der gemeinsame Gesundheitsschutz könnte jetzt Gemeinsamkeit schaffen, wie es der Klimaschutz auch in den vergangenen Monaten geschafft hat. Zwang allein wird das Gegenteil erzeugen.
epd: Was passiert, wenn sich die Ausnahmesituation länger hinzieht?
Zick: Wenn die Ausnahmesituation länger andauert, werden damit verbundene Krisen deutlicher werden, wie wirtschaftliche Krisen oder soziale Krisen, die durch Isolation noch verstärkt werden. Dann kann das in Verteilungskämpfe und Konflikte um Vorrechte kippen. Die europäischen Länder unterscheiden sich enorm darin, wie sie mit der Gefahr des Stimmungswechsels umgehen. Das zeigt, wie nervös Politik ist. Der Streit um die Lockerung mehrt sich ja schon.
Psychologisch müssen wir bei längerer Quarantäne damit rechnen, dass Menschen versuchen, ihren eingeschränkten Freiheitsspielraum wiederherzustellen. Wird die freiwillige Einwilligung immer mehr als erzwungene Einwilligung erlebt, dann orientieren sich Menschen an anderen, die das als Freiheitsentzug interpretieren und revoltieren.
epd: Wann kann die Situation problematisch werden?
Zick: Problematisch wird es, wenn ein unreflektierter Gehorsam von Konformismus in den Autoritarismus kippt. Autoritarismus sucht eine destruktive Konfliktlösung. Unreflektierter Gehorsam, eine aggressive Ausgrenzung von allen, die sich vermeintlich nicht an die eigenen Regeln halten oder als minderwertige Minderheiten betrachtet werden, sowie das Einklagen von konventionellen Regeln - das haben wir immer so gemacht - kann dazu führen, dass in der Krise Gruppen ausgegrenzt werden.
epd: Welche weiteren Gefahren sehen Sie?
Zick: Problematisch sind auch extreme Orientierungen: Der Logik des Marktes wird die Gefahrenabwehr für andere geopfert. Das trifft oft Minderheiten, wie die Fälle von geringerer Gesundheitsprävention für Geflüchtete in Unterkünften oder an den Grenzen zeigt.
Auch können Menschen in Krisen in einen Zustand der Orientierungslosigkeit geraten und sich dann extrem vereinfachenden und populistischen Meinungen öffnen, die sich scheinbar kümmern. Ohnmacht macht anfällig für Populismus, und der macht anfällig für die Idee, es gäbe minderwertigere Andere und korrupte Eliten. Je länger die Krise dauert, desto höher ist Gefahr, dass solche Stimmungen wiederkehren, wenn Gruppen sie entsprechend organisieren.
epd: Sind Minderheiten in der Corona-Krise besonders gefährdet?
Zick: Krisen können Vorurteile gegen Gruppen erleichtern. Wir fangen an, Schuldige zu suchen und aktivieren Stereotype über Gruppen und suchen Bindung und Sicherheit durch Abwertung von vermeintlich Schuldigen. Zur Pandemie gehören ja auch Vorurteile und Übergriffe gegen asiatisch aussehende Menschen, Angriffe auf stigmatisierte Gruppen, denen das Stigma der Ansteckung zugeschrieben wird, wie Obdachlose und andere hasserfüllte Einstellungen und Handlungen.
epd: Wie können die von Ihnen angesprochenen Konflikte verhindert werden?
Zick: Ich denke, wir sollten mündige Konformität im Sinne einer freiwilligen Einwilligung zur Krankheitsprävention und zum Gesundheitsschutz stärken. Ebenso sollte das hilfreiche Verhalten unterstützt werden, das überwältigend ist. Mündigkeit heißt, wir wissen, warum die Einhaltung von Regeln gut ist.
epd: Wie kann das solidarische Verhalten gestärkt werden?
Zick: Wir sind hilfsbereiter, wenn wir ein gemeinsames "Wir" ausbilden und uns mit anderen identifizieren. In der Pandemie kann das "Wir" breiter und weniger interessengeleiteter sein. Normen der Verantwortung können gestärkt werden und gerade in der Situation großer Unsicherheit angesichts der Bedrohung durch Krankheit kann helfen, die Stimmung verbessern. Das hilft dem Hilfeverhalten. Gerade jetzt gibt jede positive Nachricht der Virusbekämpfung Hoffnung und öffnet ein Fenster für solidarisches Verhalten oder zumindest eine positive Einstellung zu Solidarität und Zusammenhalt bei allen sonstigen Differenzen.
epd: Sehen Sie in der Krise auch Chancen?
Zick: Tatsächlich ist die Gelegenheit da. Wenn nicht jetzt, wann dann? Nach Zeiten von Spaltungen und Polarisierungen ist die Chance, bessere Antworten auf die zentrale wie urdemokratische Frage zu geben, groß: Wie wollen wir nach der Pandemie zusammenleben? Eine längere Pause, darüber nachzudenken, werden wir angesichts des Krisenmodus nach der Krise wohl nicht bekommen.
Es ist jetzt schon klar, dass es Gewinner, Verlierer und andere geben wird. Gewinner werden die finanzstarken Firmen sein, Politik, die Vertrauen vielleicht zurückgewinnen konnte. Gewinnen werden auch die Forschung, die Schulen und Universitäten, die hoffentlich die Freiheit des Unbekannten jetzt nutzen. Verlierer werden wirtschaftlich schwach gestellte Organisationen und Menschen sein, die beispielsweise jetzt in neuen Bildungsprozessen nicht mitkommen. Vielleicht gelingt es, neben der Stärkung von ökonomischen Schutzschilden auch soziale Schutzschilde zu stärken.
epd: Worauf kommt es bei einem Leben nach Corona-Pandemie an?
Aus Sicht der Konflikt- und Gewaltforschung käme es darauf an, wie Integrationskräfte gestärkt werden und wie die Gesellschaft sich davor schützt, nicht in alte Gruppengrenzen und soziale Hierarchien zu fallen. Viele Familien, Alleinerziehende, unterstützungsbedürftige, arme und schon vorher prekär lebende Personen und Gruppen leiden durch Isolation und Krankheitsrisiko besonders stark.