"Ich halte das für Völkermord im wahrsten Sinne des Wortes"
Der Machtkampf im Sudan spielt sich nicht nur in der Hauptstadt Khartum ab. In der Region Darfur nutzen die RSF-Milizen das Machtvakuum, um die nichtarabische Bevölkerung zu vertreiben und zu ermorden
Nairobi/Khartum (epd). Über die Gewalt dringen wenige Berichte nach außen. Seit Beginn des Krieges im Sudan werden die Menschen in der westlichen Region Darfur terrorisiert, vertrieben und ermordet. Dokumentiert ist die Zerstörung auf Satellitenbildern. Zehntausende Zivilistinnen und Zivilisten sind inzwischen ins Nachbarland Tschad geflohen, über die Zahl der Toten und Verletzten gibt es keine verlässlichen Angaben.
Der sudanesische Journalist Hafiz Haroun hat Überlebende im Tschad getroffen. Er habe in den Krankenhäusern Hunderte Verletzte gesehen, die aus der Stadt Al Geneina geflohen seien, sagte Haroun dem Evangelischen Pressedienst (epd). Dazu unbegleitete Kinder, deren Eltern getötet wurden. An Checkpoints auf den Fluchtrouten raus aus Darfur würden den Menschen ihr Hab und Gut und ihre Dokumente von den RSF und verbündeten arabischen Milizen abgenommen.
Während in der Hauptstadt Khartum die Armee versucht, die von den paramilitärischen „Rapid Support Forces“ kontrollierten Viertel zurückzuerobern, erobern diese in Darfur nach und nach Städte ohne große Gegenwehr der Armee.
Fachleute der Yale-Universität dokumentieren die Zerstörung auf Satellitenbildern. Am Donnerstag veröffentlichte die Menschenrechtsgruppe der US-amerikanischen Uni Bilder, wonach die Stadt Murnei innerhalb von zwei Tagen zu einem Fünftel abgebrannt wurde. Zuvor hatten die Wissenschaftler über die Zerstörung der Stadt Al Geneina berichtet. Demnach waren auf den Bildern auch Leichen auf den Straßen zu sehen.
Der Journalist Haroun sagt: „Ich halte das, was in Al Geneina geschehen ist, für Völkermord im wahrsten Sinne des Wortes.“
Die Darfur-Region wird seit Jahrzehnten von teils ethnisch motivierter Gewalt geprägt. Um Proteste der nichtarabischen, schwarzen Bevölkerung und ein Aufbegehren von Rebellengruppen im Jahr 2003 niederzuschlagen, verbündete sich der frühere Staatschef Omar al-Baschir mit den arabischen Dschanschawid-Milizen, aus denen später die RSF-Miliz und ihr Befehlshaber Mohamed Hamdan Dagalo, genannt „Hemeti“, hervorging.
Die Kämpfer der Milizen werden für den Tod Hunderttausender Menschen verantwortlich gemacht. Der Internationale Strafgerichtshof ermittelt wegen Völkermord, unter anderem gegen al-Baschir.
Als es darum ging, nach dem Sturz al-Baschirs die Bemühungen für einen demokratischen Sudan zu unterdrücken, waren „Hemeti“ und der Armeegeneral Abdel Fattah al-Burhan Verbündete. Doch dann eskalierte Mitte April zwischen den beiden Generälen ein Streit um die Macht in dem nordostafrikanischen Land.
120.000 Menschen sind seitdem aus Darfur in den Tschad geflohen. Dort leben nach Angaben der Vereinten Nationen schon etwa 400.000 Sudanesinnen und Sudanesen, die seit 2003 aus der Region geflohen sind und nie zurückkehren konnten.
Niemat Ahmadi hat die Verbrechen in Darfur damals selbst erlebt. 2005 konnte sie fliehen. Heute lebt sie in Washington, wo sie die „Darfur Women Action Group“ gegründet hat, um Aufmerksamkeit für die bis heute ungesühnten Verbrechen zu schaffen und die Menschen vor Ort zu unterstützen. Die in den vergangenen Wochen begangenen Gräueltaten erinnern sie an früher. „Zum Teil ist die Situation noch schlimmer“, sagt Ahmadi.
Denn damals hätten die Menschen aus den angegriffenen Dörfern in die Städte fliehen können, sagt sie. Jetzt würden genau diese Städte wie Al Geneina, Zalindschi und Kutum gezielt zerstört und entvölkert. Frauen und Kinder würden aus den Städten eskortiert, die Männer gefangen genommen, berichtet Ahmadi aus Gesprächen mit Überlebenden.
In einem gemeinsamen Brief an den UN-Sicherheitsrat fordern 41 Fraueninitiativen ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft in der Region. „Darfur fällt gerade extrem schnell“, sagt Ahmadi. „Wir fordern den sofortigen Schutz von Zivilisten und einen humanitären Korridor.“
Doch der UN-Sicherheitsrat, wo ein Einsatzmandat beschlossen werden müsste, ist derzeit kaum handlungsfähig. Deutschland will sich nach Worten von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) für die Sammlung von Beweisen einsetzen, damit die Verantwortlichen für Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen werden können.
Der Journalist Haroun glaubt nicht, dass die internationale Gemeinschaft konsequent eingreifen wird. Die Täter der seit 2003 begangenen Gräueltaten seien immer noch auf freiem Fuß. Manche der nun in Al Geneina getöteten Menschen seien Überlebende dieser Verbrechen gewesen. „Sie warteten auf Gerechtigkeit, aber sie wurden getötet.“