Hoffen auf Normalität in Tigray

Nach zwei Jahren Krieg wurde ein Friedensabkommen für die nordäthiopische Tigray-Region geschlossen. Humanitäre Helfer berichten von langsamen Fortschritten in der Region - doch die Lage bleibt angespannt.

Nairobi/Addis Abeba (epd). Das Jahr hat in der äthiopischen Region Tigray mit Hoffnung begonnen. Nach dem Friedensabkommen vom November hoffen die Menschen in der Krisenregion auf die grundlegende Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten sowie Normalität. „Das Problem ist, dass alle Fortschritte, die erklärt werden, nur sehr partiell umgesetzt werden“, sagt ein Mitarbeiter einer internationalen Hilfsorganisation, der vor wenigen Tagen mit seinen Kollegen vor Ort in Tigray unterwegs war.

Zwei Jahre hatte in der nördlichen Region ein blutiger Krieg zwischen der Zentralregierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) geherrscht. Hintergrund war ein Konflikt um die Macht in Tigray. Rund 600.000 Menschen seien getötet worden, sagte der Chefvermittler der Afrikanischen Union (AU), der ehemalige nigerianische Präsident Olusegun Obasanjo, im Januar der „Financial Times“. Millionen Menschen wurden vertrieben und die Lieferung von humanitärer Hilfe, Nahrungsmitteln und Medikamenten blockiert. Auch die Telefonverbindungen waren über lange Zeit unterbrochen und Banken geschlossen.

Seit dem Abkommen zwischen der TPLF und der äthiopischen Regierung, das unter Vermittlung Südafrikas und der AU im vergangenen November zustande gekommen war, sind erste Schritte Richtung Normalität möglich. Banken seien zum Beispiel geöffnet, sagt der Mitarbeiter, der zum Schutz der Arbeit seiner Organisation anonym bleiben will. Nur begrenzte, direkt gesendete Geldbeträge könnten abgehoben werden, wenn gerade Geld verfügbar sei. Die Gehälter der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müsse die internationale Hilfsorganisation deswegen weiter in bar bezahlen.

Auch gebe es weiterhin viele Regelungen, bürokratische Hürden und Anträge, die Hilfsorganisationen überwinden müssten, um Nothilfe in die Region zu bringen. Doch die Anträge würden nun zumindest verlässlich genehmigt, berichtet der humanitäre Helfer. Seit Ende Dezember funktioniere das Telefonnetz wieder an immer mehr Orten, Internet über mobile Daten zum Teil auch.

Das größte Krankenhaus in Tigray, das Ayder-Krankenhaus in der Regionalhauptstadt Mekelle, kann seine Angebote ebenfalls nur in kleinen Schritten wieder ausbauen. Zwar konnte die Weltgesundheitsorganisation WHO Medikamente liefern, doch an vielem fehlt es weiter. In einem Video ruft der Laborchef das Gesundheitsministerium und Hilfsorganisationen auf, sie mit Materialien und Maschinen zu versorgen. Vor allem in den ländlichen Gebieten ist die Versorgung immer noch unzureichend. Bis Januar wurden laut UN-Angaben nur etwa zwei Drittel der Menschen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind, überhaupt in irgendeiner Form erreicht - von regelmäßiger Versorgung ganz zu schweigen.

Dafür entspannt sich das Verhältnis zwischen der äthiopischen Armee und der TPLF zunehmend. Der vereinbarte Waffenstillstand hält bisher. Mitte Januar begannen die TPLF-Kämpfer mit der Übergabe ihrer schweren Waffen. Problematisch war zuletzt aber die Präsenz von Milizen aus benachbarten Regionen und Soldaten aus Eritrea. Seit dem vergangenen Wochenende scheinen nun die verbleibenden eritreischen Soldaten in großen Teilen abzuziehen. Doch vor drei Wochen war das schon einmal berichtet worden. Es gab dann aber weiter Berichte über Plünderungen und Verbrechen durch die Soldaten aus dem Nachbarland.

Wichtig sei, dass sobald wie möglich auch die Wirtschaft wieder aufgebaut wird, sagt der Vertreter der internationalen Hilfsorganisation. Dafür müssen die Leute an ihr Geld kommen und die Händler Garantien erhalten, dass sie ihre Waren sicher einführen und dann das Geld wiederum zurück in andere Teile des Landes bringen können. Nothilfe könne diese Strukturen nicht ersetzen. Erst die Rückkehr zur Normalität mache weitere, detailliertere Ausarbeitungen des Friedensabkommens überhaupt möglich.