Historiker Heer: Wehrmachtsausstellung hat "letztes Tabu" gebrochen
Frankfurt a.M. (epd). Die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" löste vor 20 Jahren Emotionen aus, die ohne Beispiel in der deutschen Nachkriegsgeschichte waren. Die Schau habe die Menschen vor allem deswegen so elektrisiert, weil sie das "letzte Tabu", die Beteiligung der Wehrmacht am systematischen Völkermord des NS-Regimes, gebrochen habe, sagte der damalige Leiter Hannes Heer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Ausstellung habe den Täterschutz zertrümmert und bis in die Familien hinein für "Erleichterung, aber auch für Abwehr oder Hass gegen die Nestbeschmutzer" gesorgt.
Gegner und Befürworter der Schau hätten sich in allen politischen Lagern befunden, hob der 75-jährige Historiker, Regisseur und Autor hervor. Besonders erbittert gegen sie gekämpft hätten das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam, das Institut für Zeitgeschichte in München und ehemalige Wehrmachtsangehörige wie der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), der damalige Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordnete Alfred Dregger und der Münchner CSU-Chef Peter Gauweiler.
In der bayrischen Landeshauptstadt habe der politische Konflikt im Frühjahr 1997 seinen Höhepunkt erlebt, sagte Heer. "Dort sollte die Schau unbedingt gestoppt werden." Gauweiler habe 300.000 Briefe an alle Haushalte verschickt und darin zum Boykott aufgerufen. Überdies habe der Kultusminister den Lehrkräften empfohlen, die Schüler nicht in die Ausstellung zu begleiten. Und die NPD habe 5.000 Mitglieder und Sympathisanten gegen die Schau auf die Straße gebracht.
In Frankfurt am Main sei wenig später ebenfalls versucht worden, die Ausstellung mit dem Verweis auf den besonderen Ausstellungsort Paulskirche zu diskreditieren. Der Widerstand sei dort allerdings sehr viel ziviler ausgefallen als in München. "Das hing mit dem erwachsenen Zustand der Frankfurter Stadtgesellschaft zusammen", sagte Heer. Danach habe sich die Diskussion auf das eigentliche Thema der Ausstellung konzentriert, den "zweiten Genozid" an Millionen Menschen in der Sowjetunion, Polen und auf dem Balkan.
Die Wehrmachtsausstellung war vom Hamburger Institut für Sozialforschung organisiert und finanziert worden. Er sei 1993 zu dem Projekt dazugestoßen, weil er bereits über die Einsatzgruppen im Osten gearbeitet hatte, sagte Heer. Die Ausstellung wurde 1995 in Hamburg eröffnet. Ab 1997 wurde sie auf all ihren Stationen von heftigen Debatten, Aufmärschen, Protesten und Krawallen begleitet.
Im März 1999 wurde in Saarbrücken sogar ein Bombenanschlag auf sie verübt. Als wenig später Historiker einige fehlerhafte Zuordnungen feststellten, wurde sie beendet. Eine Historiker-Kommission stellte später fest, dass etwa 20 der 1.433 Fotos falsche Angaben enthielten. Die überarbeitete Ausstellung wurde dann bis 2004 in verschiedenen Städten gezeigt. Insgesamt wurden mehr als eine Million Besucher gezählt.
"Nach Frankfurt wollten noch 70 Städte die Ausstellung zeigen", berichtete Heer. Ihre Gegner hätten aber kein Interesse an der "Vergesellschaftung" der Schau gehabt. Außerdem hätten sie verhindern wollen, dass eine englische Version Ende 1999 in New York präsentiert wird und anschließend durch US-amerikanische Eliteuniversitäten weiterwandert. "Die Bundesregierung war dagegen, weil sie sich Ende 1999 mit den USA und den jüdischen Opferorganisationen in der entscheidenden Phase über die Entschädigung von Zwangsarbeitern befand. Alle wussten, dass die Summe der Zahlungen enorm in die Höhe schnellen würde, wenn die Verbrechen der Wehrmacht Thema wären."
Das Aus der ersten Ausstellung 1999 habe eine geschichtspolitische Wende markiert, hob Heer hervor. Die Gesellschaft habe nichts mehr über die Verbrechen der Wehrmacht wissen wollen. Stattdessen sei ein neues Thema auf die Tagesordnung gesetzt worden, der Luftkrieg über Hamburg, Dresden oder Darmstadt mit den vielen deutschen Opfern. Initiiert worden sei diese Kehrtwende unter anderem von Jörg Friedrichs Buch "Der Brand" und die Novelle von Günter Grass "Im Krebsgang", die die Versenkung des Lazarettschiffs "Wilhelm Gustloff" durch ein sowjetisches U-Boot zum Gegenstand hat.