Historiker Clark sieht keine Weltkriegsgefahr wie 1914
Hamburg (epd). Der britische Historiker Christopher Clark sieht keine Gefahr, dass sich der Ukraine-Krieg zu einem Weltkrieg ausweitet. Die Existenz von Atomwaffen halte den russischen Präsidenten Wladimir Putin von einem Angriff auf Polen ab, sagte Clark in einem am Sonntag online veröffentlichen „Spiegel“-Interview. Das sei der große Unterschied zum Beginn der Ersten Weltkrieges 1914.
„Wir wissen heute sehr viel über die zerstörerische Wirkung der nuklearen Arsenale, und viele Menschen haben große Angst vor einem Atomkrieg“, sagte Clark: „Das war 1914 anders. Da glaubte man, dass sich der Krieg schnell, siegreich und ohne große Opfer beenden ließe.“ Das habe sich bekanntlich als Irrtum herausgestellt.
Clark wandte sich außerdem gegen historische Vergleiche aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Putin sei nicht mit Adolf Hitler zu vergleichen. Aus solchen Gleichsetzungen lerne man nichts, „sie mobilisieren nur Emotionen“. „Deshalb ist der Hitler-Vergleich so beliebt“, sagte der britische Wissenschaftler.
Auch die Bezeichnung Vernichtungskrieg für das russische Vorgehen in der Ukraine lehnt Clark ab. „Als Vernichtungskrieg verstehen wir Hitlers Kriegführung in Osteuropa während des Zweiten Weltkriegs“, sagte er. Hitler habe hat dort Millionen Menschen getötet und riesige Landstriche zerstört. „Er wollte die Juden und einen Großteil der Slawen umbringen. Es gab Tötungsfabriken wie die Vernichtungslager im besetzten Polen. Nichts davon finden Sie heute im russisch besetzten Teil der Ukraine“, argumentierte Clark.
Gleichwohl verübe Russland „einen brachialen Angriff auf die Überlebensfähigkeit eines beträchtlichen Teils der ukrainischen Bevölkerung“. „Bis hin zur Ermordung von Kriegsgefangenen und Zivilisten und zur Deportation von Männern, Frauen und Kindern ins Innere Russlands. Aber diese Verbrechen kann ich auch benennen, ohne sie gleich einer historischen Analogie zu unterziehen“, sagte Clark.