Heimatschutz der Bundeswehr: "Nicht nur reden, sondern anpacken"

Deutschland verteidigen - für Kristina W. mehr als eine abstrakte Notwendigkeit. Die 48-Jährige hat sich zur Heimatschützerin ausbilden lassen. Im niedersächsischen Bergen hat sie an einer dreiwöchigen Militärübung der Bundeswehr teilgenommen.

Bergen, Berlin (epd). Die Regenwolken hängen tief an diesem kühlen Morgen über dem größten Truppenübungsplatz Europas, dem Manövergelände im niedersächsischen Bergen in der Lüneburger Heide. An der sogenannten Nato-Verladerrampe des Übungsplatzes findet heute eine Militärübung des Heimatschutzes der Bundeswehr statt.

Hinter einer rot-weißen Schranke und einem Checkpoint mit Sandsäcken herrscht Hochbetrieb. Soldaten sichern den Ort mit Maschinengewehren. Über das matschige Kopfsteinpflaster rollen Transportfahrzeuge. Feldjäger in Jeeps und auf Motorrädern sind unterwegs, andere Soldaten patrouillieren.

Schutz von kritischer Infrastruktur

Heimatschutz, das bedeutet: Die Soldaten und Soldatinnen werden nur innerhalb Deutschlands eingesetzt. Sie schützen kritische Infrastruktur wie Bahn- und Flughäfen, Rechenzentren, Industrieanlagen. Dazu kommt die Abwehr von Drohnen, die Errichtung von Kontrollpunkten - kurz, die Absicherung und Unterstützung eigener Truppen und verbündeter Streitkräfte im Verteidigungsfall.

Für die Übung hat die Deutsche Bahn 20 Gefechtsfahrzeuge - Panzerhaubitzen, Schützenpanzer und Transportpanzer - aus dem sächsischen Frankenberg nach Bergen transportiert. Bereits seit fünf Uhr stehen sie auf den Gleisen. Nun müssen sie auf die Straße gesetzt werden. Soldaten des Heimatschutzregiments 3 aus Nienburg an der Weser sichern mit Unterstützung des Heimatschutzregiments 4 aus Schleswig-Holstein die Entladung.

„Ungediente“ als Heimatschützer

„Das ist eine klassische Aufgabe des Heimatschutzes“, sagt Soldatin Kristina W. Mit aufmerksamem Blick und einem viereinhalb Kilogramm schweren Sturmgewehr G36 vor der Brust schreitet sie die Gleise in Bergen entlang. Die 48-Jährige ist gelernte Schneiderin und hat unter anderem in der Automobil- und Sicherheitsbranche gearbeitet. 2025 hat sie ihren zivilen Job gekündigt und sich als „Ungediente“ zur Heimatschützerin ausbilden lassen.

Ihren Mitmenschen zu helfen, Schwache zu unterstützen, ist der gebürtigen Polin wichtig. „Ich habe ein Helfersyndrom“, sagt sie fröhlich - und wird augenblicklich wieder ernst. Zu viele Menschen verließen sich darauf, dass sich andere um ihren Schutz und ihre Unversehrtheit kümmern würden, sagt sie. Das aber funktioniere aufgrund der Konflikte und Kriege in der Welt immer weniger. Jeder solle sich gemäß seinen Stärken einbringen, findet Kristina W. „Nicht nur reden, sondern anpacken“, appelliert die zweifache Mutter.

Viele Reservisten

Bereits seit rund sieben Jahren stellt die Bundeswehr aufgrund der veränderten Sicherheitslage in Europa den Heimatschutz neu auf. Die Heimatschutzdivision mit Sitz in Berlin besteht derzeit bundesweit aus sechs Regimentern.

Der Kommandeur des Heimatschutzregiments 3, Oberst Helmut Remus, blickt den Panzern nach, die von der Rampe rollen. Mit dem Ablauf der Militärübung „Vigilant Roland“ ist er zufrieden. Von den beorderten Reservisten seien viele erschienen, sagt Remus. Keine Selbstverständlichkeit angesichts beruflicher und privater Pflichten. Die Motivation sei gut. „Das hier sind alles Überzeugungstäter.“

Militärische Drehscheibe Deutschland

Oberst Frank-Eckhard Brand, Kommandeur des Heimatschutzregiments 4, findet, jeder Bürger müsse sich derzeit fragen, was er für sein Land und für den Schutz der Demokratie tun könne. Der Reservist, der von Beruf Anwalt für Strafrecht in Lübeck ist, betont die Bedeutung Deutschlands als militärische und logistische Drehscheibe für die Nato. Im Ernstfall müssten bis zu 800.000 alliierte Soldatinnen und Soldaten und 200.000 Fahrzeuge durch Deutschland verlegt und versorgt werden.

Der offizielle Begriff in der Nato dafür lautet: „Host Nation Support“. Gemeint ist die zivile und militärische Unterstützung, die ein Gastland alliierten Streitkräften gewährt. Fahrzeuge auftanken, Routen planen und absichern, Wache halten, Verpflegung besorgen: Der Heimatschutz ist von zentraler Bedeutung, damit der „Host Nation Support“ im Verteidigungsfall funktioniert.

Berufsbegleitende Ausbildung möglich

Viele Heimatschützer sind wie Brand und Remus Reservisten. Aber auch „Ungediente“ sind willkommen. Wer sich ausbilden lassen will, kann dem Streitkräfteamt in Bonn zufolge zwischen zwei Ausbildungsmodulen wählen: einer Blockausbildung in drei Modulen zu je zwölf Tagen sowie berufsbegleitend in flexiblen Modulen zwischen einem und fünf Tagen, vorwiegend an Wochenenden. Die offizielle Bezeichnung nach der Ausbildung lautet: Sicherungs- und Wachsoldat. Regelmäßige Übungen sichern im weiteren Verlauf den Ausbildungsstand.

Kristina W. ist an diesem Morgen bei der Militärübung in Bergen eine von nur wenigen Frauen. Darauf angesprochen, zuckt sie mit den Schultern. Ihr Geschlecht spielt für sie keine große Rolle, Kameradschaft und Teamgeist dagegen schon, wie sie sagt. Mit ihrer Ausbildung verbindet die Frau mit dem langen, geflochtenen Zopf große Anstrengungen, aber auch schöne Momente. Im Dunkeln auf Streife gehen, ein Biwak aufbauen, schwere Rucksäcke und Gewehre tragen - das alles sei mental wie körperlich hart, sagt sie: „Es ist aber auch ein gutes Gefühl, Ehrgeiz zu entwickeln, es probiert und am Ende geschafft zu haben.“

Hintergrund: Heimatschutzdivision der Bundeswehr

"Deutschland ist nicht in Drachenblut gebadet - Der Schutz der Heimat geht alle an". Mit diesen Sätzen wirbt die Bundeswehr für ihre neu aufgestellte Heimatschutzdivision. Neben Reservisten können auch bisher "Ungediente" Heimatschützer werden.

Nienburg, Berlin (epd). Die Heimatschutzdivision mit Sitz in Berlin ist dem Kommando Heer unterstellt und besteht aus sechs Regimentern. Sie befinden sich in: Roth in Bayern, Münster in Nordrhein-Westfalen, Nienburg in Niedersachsen, Alt Duvenstedt in Schleswig-Holstein, Möckern in Sachsen-Anhalt sowie Ohrdruf in Thüringen. Insgesamt gibt es bundesweit 60 Heimatschutzkompanien an 42 Standorten mit aktuell etwa 6.000 Soldaten und Soldatinnen.

Die Soldaten der Heimatschutzdivision sind für den militärischen Schutz im Inland zuständig. Sie unterstützen nach Angaben der Bundeswehr im Verteidigungsfall die Soldaten an der Ostflanke und sichern die Funktion Deutschlands als militärische „Drehscheibe“ Europas.

Seit 2025 gibt es die Heimatschutzdivision in Berlin

Seine Anfänge nahm der Heimatschutz in den 1960er Jahren. In den 1990er Jahren, mit Ende des Kalten Krieges, wurde er außer Dienst gestellt und mit der sich veränderten weltpolitischen Lage und der Zunahme der militärischen Bedrohung rund drei Jahrzehnte später neu aufgestellt. Den Beginn markierte das Landesregiment Bayern, das im Jahr 2019 als Pilotprojekt für den Heimatschutz gegründet wurde. Seit April 2025 gibt es die Heimatschutzdivision in Berlin, der alle Heimatschutzregimenter und -kompanien unterstellt sind.

Die meisten Soldaten im Heimatschutz sind Reservisten. Ausgebildet werden aber auch „Ungediente“, also Menschen, die bisher keinen Wehrdienst abgeleistet haben. Sie lernen unter anderem, mit Waffen umzugehen, sich im Gelände zu orientieren, Objekte wie Industrieanlagen zu schützen sowie Checkpoints einzurichten.

Zentrale Aufgaben

Aufgaben des Heimatschutz-Soldaten heute sind: Schutz der kritischen Infrastruktur wie Häfen, Flughäfen, Brücken, Gleise, Energieanlagen und digitale Netze Aufklärung und Abwehr von Drohnen Einsatz bei Katastrophen, Unglücken und Großschadensereignissen Zivile und militärische Unterstützung deutscher sowie verbündeter ausländischer Streitkräfte, der sogenannte „Host Nation support“ * Ausbildung des Nachwuchses für den Heimatschutz