Friedenspreisträger appellieren an weltweite Solidarität
Frankfurt a.M. (epd). Zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse sind am Sonntag die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt worden. In ihrer Dankesrede bei der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche plädierten die Preisträger für weltweite Solidarität als Antwort auf zunehmenden Nationalismus. Das Preisgeld von 25.000 Euro wollen die Assmanns an drei Initiativen spenden, die sich für die Integration von Migranten engagieren. Die Buchmesse ging am Sonntag nach fünf Tagen zu Ende. Auf der weltweit größten Fachmesse für Literatur zeigten mehr als 7.300 Aussteller aus 102 Ländern ihre Bücher und Publikationen.
Das Forscherpaar Assmann ergänze sich in seiner Arbeit seit Jahrzehnten wechselseitig, begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Preisvergabe. Aus dieser spannungsvollen Einheit sei ein zweistimmiges Werk entstanden, das für die zeitgenössischen Debatten um ein friedliches Zusammenleben auf der Welt von großer Bedeutung sei.
Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann (71) greife die Themen Geschichtsvergessenheit und Erinnerungskultur auf, erklärte der Börsenverein. Angesichts einer wachsenden politischen Instrumentalisierung der jüngeren deutschen Geschichte leiste sie so Aufklärung zu Fragen eines kulturellen Gedächtnisses einer Nation.
Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann (80) habe internationale Debatten um Grundfragen zu kulturellen und religiösen Konflikten angestoßen, hieß es in der Begründung weiter. Mit seinen Schriften zum Zusammenhang von Religion und Gewalt leiste er einen unverzichtbaren Beitrag zum Verständnis der Friedensbereitschaft und Friedensfähigkeit der Religionen in der Weltgesellschaft von heute.
Die Eheleute Assmann betonten in ihrer im Wechsel gehaltenen Dankesrede, es könne nicht angehen, dass es eine neoliberale Freiheit für Kapital, Güter und Rohstoffe gebe, während Migranten an Grenzen festhingen und ihr Leid vergessen werde. Nationalistische Politik befördere Entsolidarisierung, indem sie Hass auf Schwächere oder Fremde schüre. Eine Wohlfahrtswelt brauche soziale Solidarität in der Gesellschaft und vor allem globale Solidarität im Umgang mit ökonomischen und natürlichen Ressourcen, sagten Aleida und Jan Assmann.
Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht sagte in seiner Laudatio, Aleida Assmann habe sich dafür engagiert, in den Gesellschaften Europas mehr Verständnis für Flüchtlinge zu wecken. Jan Assmanns These über einen historischen Zusammenhang zwischen den Absolutheitsansprüchen der theologischen Monotheismen einerseits und der politischen Totalitarismen andererseits habe unter europäischen Intellektuellen als Warnung vor moralischer Überheblichkeit gewirkt.
Die in Bethel bei Bielefeld geborene Aleida Assmann wurde 1993 Professorin für Anglistik und allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie veröffentlichte unter anderen die Bücher "Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik" (2006) und jüngst angesichts der Flüchtlingsdebatte "Menschenrechte und Menschenpflichten" (2017).
Der in Langelsheim im Harz geborene Jan Assmann war von 1976 bis 2003 Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg. Er verfasste Bücher zur Entstehung des Monotheismus und leistete einen Beitrag zur aktuellen Diskussion über das Gewaltpotenzial monotheistisch geprägter Gesellschaften, etwa in "Totale Religion. Ursprünge und Formen puritanischer Verschärfung" (2016).
Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird seit 1950 vergeben. Zu den Trägern des Preises gehören der DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer, der Schriftsteller Martin Walser, der Historiker Fritz Stern, der Philosoph Jürgen Habermas und die amerikanische Essayistin Susan Sontag. Im vergangenen Jahr erhielt die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood den Preis.
Auf der Buchmesse war die Zahl der Aussteller ist in diesem Jahr nach Angaben der Veranstalter um drei Prozent gestiegen. Auf dem Programm standen mehr als 4.000 Veranstaltungen und Lesungen. Erwartet wurden rund 286.000 Besucher. Ehrengast war Georgien, im kommenden Jahr wird es Norwegen sein.