Friedensnobelpreisträger Gottstein fordert Ächtung von Atomwaffen

Frankfurt a.M. (epd). Der Frankfurter Arzt und Friedensnobelpreisträger Ulrich Gottstein (91) ist tief besorgt um den Frieden in der Welt. "Durch die Unvernunft, die hasserfüllte Prahlerei und die Drohungen" von US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un sei die Gefahr eines Atomkriegs wieder nahegerückt, sagte Gottstein dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Frankfurt am Main. Der Mitgründer und Ehrenvorstand der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) reist zur Verleihung des Friedensnobelpreises am Sonntag nach Oslo.

Zu den Spannungen zwischen Nordkorea und den USA sagte Gottstein, das Perfide daran sei, dass die beiden Politiker der jeweiligen Bevölkerung die Vernichtung androhten. Die USA und Nordkorea, aber auch die anderen sieben Atommächte nähmen die gesamte Weltbevölkerung "in Geiselhaft", kritisierte er.

Gottstein gehört zu der Delegation der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican), die in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhält. Die Kampagne war von IPPNW 2007 initiiert worden. Die Auszeichnung wird von Ican-Direktorin Beatrice Fihn und der Hiroshima-Überlebenden Setsuko Thurlow entgegengenommen.

Er selbst werde bei der Zeremonie in Oslo nicht sprechen, sagte Gottstein. Das war 1985 anders, als die IPPNW-Organisation mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Damals hielt der frühere Chefarzt am Frankfurter Bürgerhospital und Mitgründer des Evangelischen Hospitals für Palliative Medizin am Vorabend der Verleihung im Osloer Rathaus im Namen der internationalen IPPNW die Dankrede.

Er freue sich sehr über den Friedensnobelpreis für Ican ("International Campaign to Abolish Nuclear Weapons"), sagte Gottstein. Damit werde "fast die ganze Weltbevölkerung" geehrt, denn der Organisation gehörten weltweit rund 500 Initiativen an. Positiv bewerte er auch, dass im Juli dieses Jahres 122 Staaten ein umfassendes Verbot von Atomwaffen beschlossen und mehr als 50 Regierungen den Vertrag bereits unterschrieben hätten. Harsche Kritik übte er hingegen an den Atommächten und den Nato-Staaten, die den Pakt ablehnen. 

Gottstein kündigte an, dass IPPNW und Ican weiter über die Folgen eines Einsatzes von Atom-Raketen und Wasserstoffbomben aufklären würden. So lagerten in den Depots der Atommächte immer noch mehr als 15.000 Atombomben, 20 davon befänden sich auf dem deutschen Fliegerhorst in Büchel in der Eifel. "Für einen Erfolg im Kampf gegen Atomwaffen brauchen wir die gesamte Bevölkerung", sagte der IPPNW-Ehrenvorstand. Jeder Humanist und jeder Christ habe die "verdammte Pflicht und Schuldigkeit", sich für Abrüstung und Frieden einzusetzen. 

Der am 28. November 1926 in Stettin geborene Gottstein war Mitglied der Bekennenden Kirche in der NS-Zeit. Geprägt wurde er durch seine Erlebnisse im Krieg, die Zeit in der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem ab Ende der 30er Jahre sowie den Anti-Atomkurs des Widerstandskämpfers und späteren hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Martin Niemöller (1892-1984). Für seine Verdienste erhielt Gottstein unter anderem das Bundesverdienstkreuz (1992) und die Paracelsus-Medaille der Bundesärztekammer (2011).