Friedensbeauftragter: "Die Welt, wie wir sie kannten, endet"

Der evangelische Friedensbeauftragte Kramer warnt vor verheerenden Folgen für Europa, falls es nicht gelingt, den Ukraine-Krieg zu beenden.

Erfurt (epd). Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine birgt nach Ansicht des mitteldeutschen Landesbischofs Friedrich Kramer das Potenzial für einen neuen Dreißigjährigen Krieg. Gelinge es nicht, ihn zu beenden, werd das verheerende Folgen für Europa haben, sagte Kramer dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Krieg dauere bereits zu lange an und könne für Europa „in ein finanzielles Desaster und ein wirtschaftliches Ausbluten führen“.

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verwies darauf, dass sich das Sicherheitsempfinden in Europa grundlegend verändert habe. „Die Welt, wie wir sie kannten, endet. Es wird anders“, sagte er. Gewalt und Krisen hätten weltweit deutlich zugenommen.

Vereinte Nationen als Friedensordnung

Trotz dieser Entwicklungen hält Kramer an der internationalen Ordnung fest. „Wir haben einen Ordnungsrahmen in den Vereinten Nationen mit einer pazifistischen Weltordnung“, sagte er. Die dort festgelegten Prinzipien seien richtig: „Konflikte sollen friedlich gelöst, Menschenrechte geachtet werden.“ Daran müsse unbedingt festgehalten werden. Er setze auf diese Ordnung und habe „großes Vertrauen darauf, dass wir all diese Brutalität und Gewalt auch wieder eindämmen können“.

Krieg sei kein unabänderliches Schicksal. „Was entstehen kann, kann auch wieder aufhören“, sagte Kramer. Auch wenn unklar sei, wie und wann Verhandlungen im Ukraine-Krieg zu Ergebnissen führen, bleibe die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt.

Mit Blick auf religiöse Konflikte weltweit wandte sich Kramer entschieden gegen jede Rechtfertigung von Gewalt im Namen des Glaubens. Taten wie jüngst in Australien seien gottlos, sagte er. Dabei hatten zwei islamistische Attentäter 15 Menschen bei einem Chanukka-Fest getötet. Antisemitismus agiere nicht im Namen einer bestimmten Religion, sondern sei „in seiner modernen Form ein eher rassistisches Konstrukt“, das jedoch religiöse Wurzeln habe, betonte Kramer.

Verantwortung der Christen

Zugleich warnte er vor den fortwirkenden historischen Belastungen zwischen den Religionen. „Die jahrtausendealten böswilligen Verdächtigungen, Gerüchte und Fake News zwischen den Religionen als Wurzeln sind immer noch da und jederzeit abrufbar“, sagte Kramer. Das müsse zu größerer Achtsamkeit im öffentlichen Reden führen.

Christen trügen in dieser Situation eine besondere Verantwortung. Jesus fordere „an sehr vielen Stellen der Schrift zur Gewaltlosigkeit auf“, sagte Kramer. Diese Haltung müsse immer wieder neu geprüft und verteidigt werden. Als Christen sei es Pflicht, sich dafür einzusetzen, „dass die Gewalt endet“. Kramer betonte: „Ich habe großes Vertrauen darauf, dass Krieg verlernbar ist.“

Das Interview im Wortlaut:

epd: Herr Landesbischof, immer wieder wird Gewalt im Namen von Religion verübt, zuletzt etwa in Australien. Was löst das bei Ihnen persönlich aus?

Kramer: Antisemitismus agiert nicht im Namen einer bestimmten Religion, sondern wird teilweise durch religiöse Ideen verstärkt. Da blicken auch wir Christen auf eine düstere Geschichte zurück. Aber Antisemitismus ist in seiner modernen Form ein eher rassistisches Konstrukt, das ich nicht als religiös bezeichnen würde, das aber religiöse Wurzeln hat.

Gottlose Taten

epd: Aber wir leben doch in einer Welt, in der etwa Muslime Weihnachtsmärkte angreifen, Christen Muslime überfallen und Juden palästinensische Siedler töten. Und immer wieder wird sich auf die Religion berufen …

Kramer: Diese Taten sind gottlos. Als ich die Nachrichten aus Australien gehört habe, musste ich sofort wieder an den Anschlag in Halle denken. Diese Taten sind ein Irrsinn. Aber es zeigt, dass die jahrtausendealten böswilligen Verdächtigungen, Gerüchte und Fake News zwischen den Religionen als Wurzeln immer noch da sind - und jederzeit abrufbar. Das muss uns noch einmal achtsam machen in der Art, wie wir reden. Wir müssen darauf setzen, dass die Friedenskräfte der Religion größer sind als die von Hass befeuerten Kräfte.

epd: Wie soll das gelingen?

Kramer: Jesus fordert uns an sehr vielen Stellen der Schrift zur Gewaltlosigkeit auf. Dass es trotzdem immer wieder funktioniert, dass wir uns Dinge so denken, dass die Abkehr von der Gewaltlosigkeit dann passt, hängt immer auch mit der jeweiligen gesellschaftlichen Situation zusammen. Erinnern wir uns nur an die Deutschen Christen, die dem Nationalsozialismus gefolgt sind, oder an das Entjudungsinstitut der Kirche in Eisenach. Da fragen wir uns heute auch, wie man sich das so zusammendenken konnte. Aber die Beispiele zeigen umgekehrt auch, dass wir immer wieder an der Heiligen Schrift prüfen müssen, was wirklich Jesu Geist ist. Dafür müssen wir dann gewaltfrei streiten. Das ist eine zutiefst protestantische Haltung. Und oft denken wir zu kurz, sind von der konkreten Situation, wie etwa dem Krieg in der Ukraine, gefangen und können nicht weiterdenken, nicht im großen Horizont des Friedensreiches Christi gegen die Kriegswirklichkeiten den gerechten Frieden weiterdenken.

Welt in Unordnung

epd: In der Friedensschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist von einer „Welt in Unordnung“ die Rede. Haben Sie angesichts all der Konflikte und Kriege auf dieser Welt die Hoffnung, dass wir wieder zu mehr „Ordnung“ und damit Frieden zurückkehren?

Kramer: Ja. Aber die Unordnung war immer vorhanden. Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem ostkongolesischen Dorf. Durch diese Gebiete ziehen seit Jahrzehnten Rebellen und Soldaten mordend hindurch. Das war immer da. Aber wir haben nicht hingeschaut. Wir in Europa hatten vor 20 Jahren auch den Krieg im Kosovo. Wir haben in Afghanistan gekämpft. Die Welt war und ist immer in Unordnung gewesen. Dass sich der Blick auf die Ordnung so stark geändert hat, ist eine europäische Perspektive.

epd: Aber die Unordnung hat sich doch unbestritten verstärkt.

Kramer: Ja, ich sehe, dass die Unordnung in der Welt zugenommen hat. Es ist unstrittig, dass die Gewalt in furchtbarer Weise durch die brutalen Kriege angestiegen ist. Laut Friedensgutachten 2024 hat sich die Zahl der zivilen Opfer militärischer Auseinandersetzungen zuletzt verdreifacht, die Flüchtlingszahlen haben sich verdoppelt. Verstärkt haben sich auch die Krisen und ihre Vielzahl. Corona, Gaza oder die Ukraine und ihre Folgen haben das Gefühl der Unordnung verstärkt. Amerika will die lange als unverrückbar geglaubten Sicherheitszusagen nicht länger erfüllen. Wir merken: Die Welt, wie wir sie kannten, endet. Es wird anders.

Pflicht zur Gewaltlosigkeit

epd: Zurück zur Hoffnung: Haben Sie die Hoffnung, dass es gut wird?

Kramer: Ja, wir Christen wissen, dass es auf ein Friedensreich zugeht. Und wir haben erfahren, dass aus Gebeten eine friedliche Revolution wachsen kann, dass Abrüstung und Friede zusammen möglich sind. Und wir haben einen Ordnungsrahmen in den Vereinten Nationen mit einer pazifistischen Weltordnung. Die dort vorgegebene Ordnung ist gut: Konflikte sollen friedlich gelöst, Menschenrechte geachtet werden. Daran müssen wir unbedingt festhalten. Ich setze auf diese Ordnung. Und ich habe großes Vertrauen darauf, dass wir all diese Brutalität und Gewalt auch wieder eindämmen können, dass Krieg verlernbar ist. Denn was entstehen kann, kann auch wieder aufhören. Wir wissen nicht, wie und wann etwa die Verhandlungen zur Ukraine zu einem Ergebnis führen werden. Aber als Christen ist es unsere Pflicht, sich dafür einzusetzen, dass die Gewalt endet.

epd: Glauben Sie an einen Waffenstillstand oder sogar Frieden zwischen Russland und der Ukraine im Jahr 2026?

Kramer: Ich bete dafür und hoffe. Und dennoch sagt meine Vernunft mir: Es wird ein sehr schmaler Grat. Ob es zu einem Frieden kommt, wird auch von Europa abhängen: wie stark die Zusagen sind und wie stark man auf die Ukraine einwirkt, unbequeme Entscheidungen zu treffen. Ich hoffe sehr auf ein Ende der Kampfhandlungen, und zu einem gerechten Frieden ist es dann ein langer Weg. Der Ukrainekrieg geht schon zu lange und hat das Potenzial für einen zweiten Dreißigjährigen Krieg. Das würde für die Ukraine, Russland und gerade auch für Europa in ein finanzielles Desaster und ein wirtschaftliches Ausbluten führen. Über dem Portal von Schloss Friedenstein hat der Gothaer Herzog Ernst der Fromme (1601-1675) unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg die Losung „Friede ernähret, Unfriede verzehret“ anbringen lassen. An diese Mahnung sollten wir immer denken.