Frieden und Chemie: Linus Pauling war zweifacher Nobelpreisträger
Der US-Amerikaner Linus Pauling ist der einzige Wissenschaftler mit zwei ungeteilten Nobelpreisen: für Chemie und für Frieden. Vor 125 Jahren kam er zur Welt. Nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima wurde er zum Friedensaktivisten.
Washington (epd). Linus Pauling (1901-1994) war der „Inbegriff eines Wissenschaftlers“. So sagt es Emily Ho, die Direktorin des „Linus Pauling Institute“ in Corvallis im US-Bundesstaat Oregon. Ihn habe einfach vieles fasziniert. Der US-Chemiker ist der einzige Forscher, der mit zwei ungeteilten Nobelpreisen ausgezeichnet wurde. Den ersten erhielt er 1954 für Chemie, den Friedensnobelpreis 1962 - verliehen 1963 - dann für seinen Einsatz gegen das nukleare Wettrüsten zwischen Ost und West.
Linus Carl Pauling wurde vor 125 Jahren, am 28. Februar 1901, geboren. Seine Forschungsthemen reichten von Raketentreibstoff bis zu gesunder Ernährung, dem Anliegen, mit dem sich das Linus Pauling Institut heute befasst. Der Chemie-Nobelpreis wurde ihm für seine Forschungen über chemische Bindungen zugesprochen. Pauling gehörte zu den Begründern der modernen Molekularbiologie. Sein Buch „Die Natur der chemischen Bindung“ (Originaltitel: „The Nature of the Chemical Bond“) von 1939 war lange Standardwerk.
Erkenntnisse aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft kombiniert
Paulings Stärke sei seine Fähigkeit gewesen, Erkenntnisse aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft zusammenzubringen, sagte Chris Petersen, Autor der Biografie „The Many Worlds of Linus Pauling“ (2025), dem Evangelischen Pressedienst (epd). Petersen ist Archivar in der Oregon State University, wo rund eine halbe Million Seiten Material aus dem Nachlass von Pauling und seiner Ehefrau Ava Helen lagern.
Pauling kam in Portland in Oregon zur Welt, ganz im Westen der USA, weit weg von den Zentren der Gelehrtheit an der Ostküste. Sein Vater war ein Apotheker mit deutschen Vorfahren und starb, als Linus neun Jahre alt war. Schon als Kind soll er sich für Chemie interessiert haben. In der Biografie „Linus Pauling: A Man and His Science“ berichtet Autor Anthony Serafini von den Erzählungen eines Schulfreunds: Die Jungen hätten explosiven Stoff auf Straßenbahnschienen gestreut, um zu sehen, was passiert, wenn die Wagen darüber rollen.
1925 machte Pauling seinen Doktor in Chemie, 1933 wurde er Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Der Zweite Weltkrieg hat ihn anscheinend politisiert. 1940 unterzeichnete er einen Offenen Brief mit der Forderung, die USA dürften sich nicht mit Nazi-Deutschland und Japan arrangieren.
Albert Einstein setzte sich für ihn ein
Pauling hat ein Gerät entwickelt, um den Sauerstoffgehalt der Luft in U-Booten und Flugzeugen zu messen. Zudem forschte er an Raketentreibstoff. Der Krieg ging im August 1945 mit den Atombomben-Abwürfen auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki zu Ende. Im Fernsehsender der Universität von Kalifornien sagte Pauling 1983, er sei gleich danach für den Frieden aktiv geworden. Erst habe er Ansprachen über diese neue Waffe gehalten. Bald sei er dazu gekommen, Nobelpreisträger Albert Einstein zu zitieren: Es sei Zeit, mit allen Kriegen Schluss zu machen.
Es war die Zeit des Kalten Krieges. Paulings Kritik an der Aufrüstung machte ihn offenbar verdächtig. 1952 informierte das US-Passbüro ihn, dass man ihm keinen Reisepass ausstellen werde. Einstein protestierte bei Außenminister Dean Acheson. Pauling sei „einer der erfinderischsten Wissenschaftler“ der USA. Pauling bekam seinen Pass schließlich früh genug, um im Dezember 1954 in Stockholm den Nobelpreis für Chemie entgegenzunehmen.
Einsatz gegen Atomtests
Den Friedensnobelpreis erhielt Pauling wenige Jahre später wegen seines Engagements gegen Kernwaffentests, deren radioaktiver Niederschlag Menschen in der ganzen Welt gefährdete. Linus und Ava Pauling übergaben den Vereinten Nationen 1958 eine von tausenden Wissenschaftlern unterzeichnete Petition gegen die Tests. Die Kampagne war erfolgreich. Am 5. August 1963 unterzeichneten die USA, die Sowjetunion und Großbritannien das Atomteststoppabkommen, das oberirdische Kernwaffenversuche verbietet.
Pauling indes wurde in den USA beschuldigt, er sei ein Kommunist. 1960 lud ihn das „Senatskomitee für Innere Sicherheit“ vor. Er verweigerte die Aussage, als er nach den Namen von mutmaßlichen Mitstreitern gefragt wurde. Sein Leben lang setzte er sich für den Frieden ein. Er engagierte sich gegen den Vietnamkrieg, Ronald Reagans Rüstung und George H. W. Bushs Golfkrieg.
Pauling starb 1994 an Krebserkrankung
Die „New York Times“ schrieb nach Paulings Krebstod im Jahr 1994, dessen „wissenschaftliches Genie“ sei begleitet gewesen von einer „starken Neigung zum Widerspruch“. In den 70er Jahren trat er mit Thesen über die heilende Wirkung von hoch dosiertem Vitamin C, auch gegen Krebs, in die Öffentlichkeit, die in Wissenschaftskreisen infrage gestellt wurde. Emily Ho sagte dem epd, dass das Linus Pauling Institut die vom Namensgeber entworfene Richtlinie für hohe Vitamin-C-Dosen nicht mehr teile.
Was Pauling motiviert hat? Biograf Petersen sagte dem epd, Pauling habe im Alter von zehn oder elf Jahren für sich beschlossen, dass es keinen Gott gebe. Er habe jedoch den Arzt und Theologen Albert Schweitzer und dessen Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben wertgeschätzt. Pauling habe am Gedanken festgehalten, dass man versuchen müsse, menschliches Leiden so stark wie möglich zu minimieren. 1959 haben Ava und Linus Pauling Schweitzer in Lambaréné im afrikanischen Gabun besucht, wo dieser eine Krankenstation betrieb.