Exodus aus Venezuela

Rio de Janeiro (epd). Hunderte Menschen drängen sich auf der gut 300 Meter langen Brücke über den Táchira-Fluss, die Venezuela mit Kolumbien verbindet. Seit die kolumbianische Regierung Ende vergangener Woche die Grenzkontrollen verschärft hat, dauert der Grenzübertritt mindestens eine, manchmal auch mehrere Stunden. Täglich überqueren offiziellen Schätzungen zufolge mehr als 40.000 Venezolaner die Grenze in Richtung Kolumbien.

"Bald sind wir am Verhungern, es gibt nichts mehr einzukaufen", sagt eine junge Mutter. "Ich muss rüber, um ein Medikament für meinen Sohn zu kaufen." Die meisten gehen in der Grenzstadt Cúcuta nur einkaufen: Nahrungsmittel und Medikamente - lebenswichtige Dinge, die es in ihrer Heimat höchstens noch zu horrenden Preisen auf dem Schwarzmarkt gibt. Doch immer mehr Venezolaner entscheiden sich auch, nicht mehr über die Brücke zurückzukehren. 

Sie bevölkern die Städte in der Grenzregion oder brechen von Cúcuta aus mit dem Bus in Richtung Hauptstadt und in andere südamerikanische Länder auf. Offizielle Zahlen gibt es nicht, doch Schätzungen über die Gesamtzahl der venezolanischen Auswanderer seit Anfang 2016 schwanken zwischen 100.000 und eine halben Million.

Von Cúcuta aus reisen jeden Tag zwischen 800 und 900 Venezolaner in Bussen weiter, wie Bürgermeister César Rojas Ayala im Hörfunksender RCN berichtet. Wer sich kein Busticket leisten kann, bleibt in der überfüllten Grenzstadt. Unzählige Menschen schlafen in Parks und auf Straßen. "Mit Hilfe der UN stellen wir humanitäre Hilfe bereit, um zumindest beim Notwendigsten zu helfen", erklärt Ayala.

Die Stimmung in seiner Stadt ist seit Monaten angespannt, und die Unzufriedenheit über die Zugereisten nimmt zu. Die Arbeitslosigkeit liegt in Cúcuta mit gut 14 Prozent deutlich über dem Landesdurchschnitt. Derzeit sucht die Polizei mehrere Venezolaner, die eine 72-Jährige ermordet haben sollen. Die Frau hatte einige Zimmer an Neuankömmlinge vermietet.

In Venezuela gibt es derweil keinerlei Anzeichen für eine Besserung der prekären Lage. Die Wirtschaft liegt am Boden, während sich die linksnationalistische Regierung und die bürgerliche Opposition spinnefeind gegenüberstehen und gegenseitig lähmen.

Für die Versorgungsengpässe macht Präsident Nicolás Maduro feindlich gesonnene ausländische Regierungen wie die der USA verantwortlich sowie ein Boykottverhalten der nationalen Unternehmer. Es fehlt an Devisen für Importe, und die Inflation liegt laut Internationalem Währungsfonds über 10.000 Prozent. Die rasante Geldentwertung führt zu einer rapiden Verarmung. 

Im nordbrasilianischen Bundesstaat Roraima ist die Lage ähnlich dramatisch wie in Cúcuta. Die Zuwanderung von knapp 40.000 Venezolanern bedeutet für die Hauptstadt Boa Vista ein Wachstum um mehr als zehn Prozent. Gouverneurin Suely Campos fordert Hilfe von der Zentralregierung, um die Lage unter Kontrolle zu behalten.

"Es ist eine noch nie dagewesene humanitäre Krise, die Roraima bisher ganz alleine stemmen musste", erklärt Campos. Die Patientenzahl in den öffentlichen Krankenhäusern habe sich vervielfacht. "Und täglich kommen in Boa Vista fünf venezolanische Babys zur Welt", sagt sie.

Eine Anerkennung als Flüchtling wird kaum einer der Migranten aus Venezuela bekommen. Doch bisher werden sie geduldet, zumal Brasilien wie Kolumbien die sozialistische Regierung im Nachbarland scharf kritisiert. Und bislang wird der Exodus der Venezolaner noch von der Solidarität der ebenfalls spanischsprachigen Nachbarn abgefedert. Aber auch in Roraima wächst der Unmut.