Einsatz für die Menschenrechte in Zeiten des Krieges

Sie dokumentieren Kriegsverbrechen und setzen sich für die Demokratie ein: Nun werden die Aktivisten des ukrainischen Centers for Civil Liberties für ihr Engagement mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Frankfurt a.M./Oslo (epd). Die Überwältigung war ihrer Stimme anzuhören: Die Geschäftsführerin des ukrainischen Centers for Civil Liberties (Zentrum für bürgerliche Freiheiten), Oleksandra Romanzova, schwankte zwischen Lachen und Weinen, als sie erfuhr, dass ihre Organisation mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird. Wenige Minuten vor der offiziellen Bekanntgabe am Freitag hatte sie der Direktor des norwegischen Nobelinstituts, Olav Njølstad, informiert. „Es ist unglaublich“, sagte sie.

Um elf Uhr verkündete dann das Nobelkomitee in Oslo, dass die Organisation gemeinsam mit dem derzeit inhaftierten belarussischen Menschenrechtler Ales Bjaljazki und der russischen Organisation Memorial geehrt wird. Das im Jahr 2007 gegründete Center for Civil Liberties mit Sitz in Kiew habe „Stellung bezogen, um die ukrainische Zivilgesellschaft zu stärken und Druck auf die Behörden auszuüben, die Ukraine zu einer vollwertigen Demokratie zu machen“, sagte die Vorsitzende des Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen. Zudem engagiere sich das Zentrum für den Beitritt des Landes zum Internationalen Strafgerichtshof.

Nicht erst seit der Invasion Russlands in die Ukraine am 24. Februar dokumentieren Aktivistinnen und -Aktivisten der Organisation Kriegsverbrechen und andere Menschenrechtsverletzungen. Nach der russischen Annexion der Krim und dem Beginn der Kämpfe im Donbass 2014 entsandte das Zentrum als eine der ersten Menschenrechtsorganisationen mobile Teams in die Region und verschaffte sich eine Übersicht zu den politischen Gefangenen.

Auch in den Orten Butscha und Irpin, wo der russischen Armee Massaker an der Zivilbevölkerung vorgeworfen werden, haben Mitarbeitende des Zentrums Zeugenaussagen gesammelt. Für ihr Engagement wurde der Organisation und der Vorsitzenden Oleksandra Matwijtschuk Ende September bereits der sogenannte Alternative Nobelpreis zuerkannt.

Am Freitag wandte sich Matwijtschuk in einem auf Facebook veröffentlichten Appell an die Weltgemeinschaft. Den Opfern von Kriegsverbrechen müsse eine Chance auf Frieden geboten werden, forderte die Juristin, die gerade im Zug auf dem Weg von Polen nach Kiew war. Andernfalls sei ein „nachhaltiger Frieden in unserer Region nicht möglich“. Der russische Präsident Wladimir Putin müsse ebenso wie der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko und andere Kriegsverbrecher vor ein internationales Tribunal gestellt werden.

Bereits während der Euromaidan-Proteste in der Ukraine, auf welche die Annexion der Krim folgte, wurde das Zentrum auch außerhalb der Ukraine einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Während der Niederschlagung der Kundgebungen, bei der nach offiziellen Angaben etwa 100 Menschen getötet wurden, hatten die Aktivistinnen und Aktivisten Menschenrechtsverletzungen dokumentiert und Rechtshilfe geleistet.

Nach der Bekanntgabe des Nobelkomitees zeigte sich das Team der Organisation bewegt. „Wir sind stolz darauf, mit dem Friedensnobelpreis geehrt zu werden“, schrieb die Organisation auf Twitter. Dieser bedeute eine Anerkennung der Arbeit vieler Aktivistinnen und Aktivisten in der Ukraine und darüber hinaus.