Ein kleines Dorf im großen Konflikt

Dubai (epd). "Es gab weder Proteste noch Provokationen", behaupten die Einwohner von Aripanthan im indischen Teil Kaschmirs. "Wir haben vor einem Buchladen gesessen und uns unterhalten. Plötzlich waren Armee-Fahrzeuge da. Es war ein Massaker", berichtete Ghulam Muhammad der Zeitung "Greater Kashmir". Bei der Auseinandersetzung zwischen den paramilitärischen Kräften und den Bewohnern von Aripanthan wurden vier Menschen getötet und acht weitere verletzt.

Aripanthan ist ein Dorf etwa 30 Kilometer westlich der Sommerhauptstadt Srinagar. Rund 5.000 Einwohner hat der malerische Ort im Himalaya-Gebirge. Doch seit der Schießerei am Dienstag kommt das Dorf nicht mehr zur Ruhe. Jugendliche zünden Reifen an und hängen schwarze und pakistanische Flaggen an Strommasten. Vom Minarett der Moschee schallen Rufe nach Freiheit. An einer Hauswand steht: "Geh Indien, geh zurück, wir wollen Freiheit. Indische Soldaten sind Terroristen."

Die Sicherheitskräfte sagen, die Lage sei eskaliert, nachdem einige Dorfbewohner Steine auf die Truppen geworfen hatten. Die Einwohner in Aripanthan bestreiten das. Sie haben ihre eigene Theorie, warum die paramilitärische Einheit das Feuer auf Zivilisten eröffnete: Es sei die Rache dafür, dass sich das Dorf weigerte, am Unabhängigkeitstags Indiens die indische Flagge zu hissen. Am vergangenen Montag hätten Beamte versucht, das dreifarbige National-Banner zu entrollen, aber sie seien daran gehindert worden.

Kaschmir ist seit Jahrzehnten ein Zankapfel zwischen Indien und Pakistan. Bereits drei Kriege haben die beiden Atommächte um das Gebiet im Himalaya-Gebirge geführt. Der nordöstliche, muslimisch geprägte Teil Kaschmirs wird von Pakistan, der mittlere und südliche Teil, in dem auch Hindus und Buddhisten leben, von Indien kontrolliert. Ende der 80er Jahre begannen Separatisten im indischen Teil Kaschmirs den bewaffneten Kampf gegen die indische Herrschaft. In dem Konflikt starben bislang über 68.000 Menschen.

In den vergangenen sechs Jahren hatte sich die Lage normalisiert. Das von Indien kontrollierte Kaschmir mit seinen reißenden Bächen, seinen smaragdgrünen Gebirgsseen und Obstgärten wurde wieder als Urlaubsziel attraktiv. Doch in diesem Jahr wendete sich das Blatt: Am 8. Juli töteten indische Soldaten den charismatischen Kommandeur der größten Rebellengruppe in Kaschmir, Burhan Wani. Der Führer der islamischen "Hizbul Mujahideen" war in den vergangenen fünf Jahren das Gesicht des bewaffneten Kampfes gewesen.

 

Bilder und Videos von ihm machten bei seinen jungen Sympathisanten in Kaschmir auf Smartphones die Runde. Wani, der Anfang 20 war, zeigte sich offen und unverhüllt, anders als die Rebellenführer der 90er Jahre. Indische Truppen spürten ihn in einem Wald auf und töteten ihn.

Sein Tod sei "der größte Erfolg gegen die Aufständischen" in den vergangenen Jahren, erklärte die Polizei von Kaschmir. Als sich die Nachricht verbreitete, zogen jedoch Zehntausende auf die Straßen, um gegen die Herrschaft Indiens in Kaschmir zu protestieren. Seither kommt das Tal nicht mehr zur Ruhe – trotz Ausgangssperren und Kommunikations-Blockaden.

Die vorläufige Bilanz der neuen Welle der Gewalt: über 65 Tote und Tausende Verletzte. Schulen, Universitäten, Geschäfte und Läden bleiben aus Sicherheitsgründen geschlossen. Streiks legen das öffentliche Leben lahm. Krankenhäuser sind überlastet. Nahrungsmittel sind ebenso knapp wie Medikamente.

Während Kaschmir immer tiefer ins Chaos stürzt mit wochenlangen Ausgangssperren, Aufständen, Schießereien und Terror, unternimmt die Landesregierung und Regierungschefin Mehbooba Mufti wenig, um wieder Ordnung herzustellen. Und auch die Regierung in Neu-Delhi ignoriert die Krise.

"Die Zentralregierung müsste einen Dialog mit der Zivilbevölkerung beginnen und einen Weg finden, damit die Verwaltung wieder funktioniert", forderte die Zeitung "Times of India". Die Rede ist von "einer teuflischen Dynamik": Während unter dem rechtsnationalistischen Premierminister Narendra Modi der radikale Hinduismus stärker werde, wachse auf der anderen Seite der Zulauf zum Islamismus.