Diskussion über getrennte Unterbringung von Flüchtlingen

Frankfurt a.M./Berlin (epd). Nach einer Massenschlägerei in einem Flüchtlingslager im hessischen Calden ist die Diskussion über eine nach Ethnien und Religionen getrennte Unterbringung wieder aufgeflammt. Statistiken zu Motiven von Auseinandersetzungen in Flüchtlingsunterkünften gibt es bisher nicht, auch nicht für die Schlägerei in Calden.

Die Gewerkschaft der Polizei forderte am Montag, Flüchtlinge stärker nach Ethnien und Religionen zu trennen. Polizeikollegen stellten "vermehrt weltanschauliche Motive" bei Streitigkeiten unter Flüchtlingen fest, sagte der stellvertretende Gewerkschaftschef Jörg Radek dem Evangelischen Pressedienst (epd). Konkrete Zahlen konnte er allerdings nicht vorlegen: "Es gibt zurzeit kein statistisches Material."

Der stellvertretende Pressesprecher des Regierungspräsidiums Kassel, Harald Metz, sagte am Montag, religiöse Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen seien nicht die Ursache für die Massenschlägerei am Sonntag in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Calden bei Kassel gewesen. Der Grund sei vielmehr ein Vordrängler bei der Essensausgabe gewesen. Es gebe keine Mitteilungen darüber, dass in der Zeltstadt Konflikte zwischen Muslimen und Christen herrschten.

Das hessische Sozialministerium denkt nun über Deeskalation nach. Möglich wäre es beispielsweise, bei der Essensausgabe künftig gruppenweise vorzugehen, sagte Esther Walter, Pressesprecherin des hessischen Sozialministeriums, dem epd. Bei der Unterbringung selbst werde versucht, auf eine Trennung der Flüchtlinge nach Herkunft zu achten, um Zwischenfälle zu vermeiden, sagte Walter. Allerdings sei dies bei den steigenden Asylbewerberzahlen eine Herausforderung. In Darmstadt habe das Land eine Stelle eingerichtet, die ausschließlich allein reisenden Frauen vorbehalten sei.

Metz sagte dazu, eine Trennung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen bei der Essensausgabe sei schwierig. Ständig kämen neue Gruppen in der Einrichtung an, andere verließen sie hingegen. Soweit wie möglich werde versucht, die Gruppen nach Herkunft auf die Zelte aufzuteilen. 

Eine getrennte Unterbringung nach Religionen wäre ein "Armutszeugnis für die Bundesrepublik als Aufnahmeland und ein falsches Signal an die Schutzsuchenden", widersprach die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Ulla Jelpke, den Forderungen. Nicht Glaubens- oder Kulturfragen, "sondern die qualvolle Enge in völlig überfüllten Flüchtlingsunterkünften" sei die Ursache für Konflikte, sagte sie.

Keine Chance auf die Realisierung einer getrennten Unterbringung sieht nach Angaben des Mitteldeutschen Rundfunks Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft: Der Vorschlag scheitere an der Masse der Menschen und der "Kompliziertheit der Ethnien und Religionen".

Die Hauptursache für Streitigkeiten bis hin zu Prügeleien in Flüchtlingsunterkünften sieht auch Radek von der Gewerkschaft der Polizei nach wie vor in den beengten Verhältnissen: "Die Enge macht aggressiv." Schon das Anstehen an der Essensausgabe oder vor der Toilette könne ein Anlass für Streit sein. Solche Auseinandersetzungen könnten allerdings in Streit über "religiöse und weltanschauliche Fragen" münden. Das würden Betroffene zwar "nicht unbedingt zugeben, aber die Wahrscheinlichkeit ist da", sagte der Gewerkschafter.

An der Schlägerei auf dem Gelände des alten Flughafens Calden am Sonntag waren Hunderte Flüchtlinge beteiligt, überwiegend Pakistaner und Albaner. Nach Polizeiangaben wurden 14 Menschen verletzt. In dem Lager sind rund 1.500 Menschen aus 20 Nationen untergebracht. Mitte August war die Erstaufnahmestelle in Suhl (Thüringen) in die Schlagzeilen geraten: Bei einer Prügelei waren elf Asylbewerber und sechs Polizisten verletzt worden. Auslöser soll ein Streit über den Koran gewesen sein.