"Die Weltlage ist äußerst brisant"
Bonn/Düsseldorf (epd). Mit Demonstrationen, Fahrradtouren und Mahnwachen demonstriert die deutsche Friedensbewegung auch in diesem Jahr für Abrüstung und gewaltfreie Konfliktlösungen. Bundesweit sind nach Angaben des "Netzwerks Friedenskooperative" in Bonn rund hundert Veranstaltungen geplant. Gründe für die Kundgebungen gebe es noch immer genügend, sagt Netzwerk-Sprecher Kristian Golla: "Die Weltlage ist äußert brisant, sie ist sehr problematisch und sehr unübersichtlich."
So sei US-Präsident Donald Trump unberechenbar, warnt Golla: "Er ist ein Quereinsteiger und hat vom politischen Geschäft keine Ahnung." Der gemeinsame Aufruf des Bundesausschusses Friedensratschlag und der Kooperation für den Frieden - so etwas wie Dachverbände der Friedensbewegung - kritisiert unter anderem Rüstungsexporte und Auslandseinsätze der Bundeswehr.
Einer Erhöhung der Rüstungsausgaben auf die von der Nato geforderten zwei Prozent des Gesamtetats erteilt der Appell eine Absage. Das Geld werde besser in Bildung, Gesundheit und Umwelt investiert. Die Bundesregierung wird aufgefordert, den von der großen Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten beschlossenen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen zu unterzeichnen. Zudem müsse die "todbringende Abschottung Europas gegen Flüchtlinge" sofort beendet werden.
Örtliche Bündnisse setzen eigene Themen. Die meisten Aktionen finden an Karfreitag und den Ostertagen statt, darunter auch der Ostermarsch Ruhr, der über drei Tage von Duisburg nach Dortmund führt, und der Ostermarsch Rheinland. Im Demonstrationsaufruf der Friedensversammlung Rhein-Ruhr heißt es, in zahlreichen Regionen der Welt herrschten Krieg und Terror. In Europa spitze sich zudem die Konfrontation zwischen der Nato und Russland durch gefährliche Militärmanöver und Truppenaufmärsche zu. Bei alldem seien deutsche Soldaten und Waffen mit im Einsatz.
Der erste Ostermarsch dieses Jahres findet unter dem Motto "Musik statt Krieg" an diesem Samstag in Leipzig statt. An der Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau protestieren die Ostermarschierer am Karfreitag auch gegen die zivile Nutzung der Atomkraft, im benachbarten Dülmen ist für Ostermontag eine Blockade der US-Kaserne "Tower Barracks" angekündigt.
In NRW finden Ostermärsche unter anderem auch in Köln, Düsseldorf, Aachen, Bonn, Bochum, Essen, Oberhausen, Münster und Bielefeld statt. Im schleswig-holsteinischen Jagel wollen Demonstranten zum Fliegerhorst der Luftwaffe ziehen, in Stuttgart richtet sich der Protest gegen die dort geplante Militärmesse ITEC.
Zum ersten Ostermarsch trafen sich Kriegs- und Rüstungsgegner vor 60 Jahren: Am Karfreitag des Jahres 1958 versammelten sich in London mehr als 10.000 Menschen zu einer Demonstration gegen die britischen Atomwaffen. Die Aktion war ein Fanal. Seitdem gehen in verschiedenen Ländern jedes Jahr zu Ostern Tausende Menschen auf die Straße, um gegen Kriege und atomare Rüstung zu protestieren. In der Bundesrepublik führte der erste Ostermarsch 1960 mit rund 1.500 Teilnehmern zum Truppenübungsplatz Bergen-Hohne in der Lüneburger Heide.
Beflügelt von den Protesten der Studentenbewegung, hatten die Ostermarschierer Ende der 60er Jahre enormen Zulauf. 1967 beteiligten sich 150.000 Demonstranten an Oster-Aktionen in mehr als 200 Städten, ein Jahr später waren es doppelt so viele. Auch wegen interner Grabenkämpfe zerfiel die Bewegung danach. Streit entzündete sich vor allem daran, dass die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und ihre "Massenorganisationen" den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei rechtfertigten.
Eine Renaissance erlebten die Ostermärsche 1982 mit der Debatte über die sogenannte Nato-Nachrüstung mit atomaren Mittelstreckenwaffen. Zehntausende versammelten sich damals an den geplanten Standorten für Cruise Missiles und Pershing-II-Raketen. Die Kriege in Jugoslawien und im Irak mobilisierten in den 90er und 2000er Jahren erneut viele Menschen.
In den vergangenen Jahren pendelte sich die Zahl bei einigen tausend Ostermarschierern ein. Mit einer ähnlichen Beteiligung rechnet das Netzwerk Friedenskooperative auch in diesem Jahr. Die Demonstrationen seien schon lange nicht mehr der Zählappell der Friedensbewegung, sagt Sprecher Golla: "Eigentlich ist gar nicht das Thema, wie viele Leute zu den Ostermärschen kommen. Wichtig ist, dass auch noch nach 60 Jahren etliche Menschen sichtbar gegen Kriege und Aufrüstung Position beziehen."