Die vergessenen Wolfskinder des Zweiten Weltkriegs

Keine Eltern, kein Zuhause, keine Identität: Nach 1945 irrten zehntausende sogenannte "Wolfskinder" durch Osteuropa. Acht Jahrzehnte nach dem Hungerwinter 1945/46 rückt ihr Schicksal neu in den Fokus, etwa auf der Leipziger Buchmesse.

Stuttgart/Pfalzgrafenweiler (epd). Durch das Fenster fällt weiches Licht auf die dunkle Schrankwand, ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto zeigt Mutter Henriette, Bruder Helmut und den kleinen Alfred. Alfred Schalkau, heute hochbetagt, sitzt im Sessel, den Blick auf das Bild gerichtet. „Da waren wir noch zusammen“, sagt er leise. Dann stockt seine Stimme. Hunger, Kälte, Flucht - das Grauen des Winters 1945/46 kommt wieder hoch. Für Schalkau fühlt es sich an, als wäre es gestern gewesen: jener Winter, in dem er alles verlor: Eltern, Heimat, Sprache, Identität.

Im Januar 1945 hatte die Rote Armee Königsberg weitgehend eingeschlossen, im April kapitulierte die Stadt. Alfreds Vater Ernst und sein älterer Bruder Helmut waren an der Front, seine Mutter Henriette lag mit Typhus in einem Lazarett, in den letzten Kriegsmonaten verlor sich jede Spur. Das Haus der Familie lag, wie weite Teile der Stadt, in Trümmern.

Kinder aßen Kartoffelschalen

Für den Jungen begann ein Leben im Ausnahmezustand. „Wir haben Kartoffelschalen gegessen, Reste aus dem Müll, oft tagelang gar nichts“, erinnert sich Schalkau. Als er hörte, im benachbarten Litauen gebe es etwas zu essen, tat er, was damals viele verwaiste Kinder taten: Er machte sich allein auf den Weg.

Die später „Wolfskinder“ genannten Kinder hatten ihre Eltern meist durch Bombardierungen, Mord, Verschleppung oder Flucht verloren. Einige kamen in sowjetische Kinderheime, andere versuchten, sich von Ostpreußen nach Litauen durchzuschlagen, zu Fuß oder versteckt auf Zügen und Lastwagen. Als der neunjährige Alfred sich im Frühjahr 1945 unter einen Güterwaggon presste, ahnte er nicht, dass er seine Familie nie wiedersehen würde.

„Vokietukai“ - die „kleinen Deutschen“

In Litauen nannten die Menschen die eltern- und heimatlosen Kinder „Vokietukai“ - die „kleinen Deutschen“. Die sowjetischen Behörden verboten offiziell, „Faschistenkinder“ aufzunehmen oder zu versorgen. Doch oft war das Mitleid größer als die Angst. „In einigen Häusern wurde täglich ein Eimer Suppe für die Vorüberkommenden gekocht“, berichtet die Berliner Historikerin Ruth Leiserowitz, die das Schicksal der Wolfskinder seit den 1990er Jahren erforscht. Wer nirgends unterkam, lebte wochenlang in den Wäldern, stahl, was er finden konnte, oder ernährte sich von Pflanzen und Aas.

Alfred Schalkau fand schließlich bei litauischen Bauern Arbeit als Tagelöhner: Er kümmerte sich um Vieh und Felder, bekam dafür Essen und eine Schlafstelle. Oft schlief er im Freien, aus Angst vor sowjetischen Kontrollen. Zur Schule durfte er nicht: Aus Sicht der Behörden hatten deutsche Kinder ohne Papiere kein Recht auf Bildung.

Nicht als Deutscher auffallen

Weil er seine Muttersprache jahrzehntelang kaum sprechen durfte, ringt er noch heute nach deutschen Worten. Um nicht als Deutscher aufzufallen, wurde aus Alfred Ernst Schalkau „Alfred Ernstowitsch Schalkauskas“. So konnte er eine landwirtschaftliche Ausbildung machen, später zur Marine gehen und schließlich als Lkw-Fahrer arbeiten.

Zehntausende Kinder verloren in den Nachkriegswirren nicht nur Eltern und Zuhause, sondern auch ihre Identität. Erst Jahrzehnte später erfuhr Alfred, dass sein Vater Ernst den Krieg überlebt hatte und über das Deutsche Rote Kreuz vergeblich versucht hatte, ihn nach Kiel zu holen. Geblieben ist ihm nur das vergilbte Schwarz-Weiß-Foto, das ihn zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder zeigt.

Seit 1998 leben Alfred Schalkau und seine weißrussische Frau Tatjana im baden-württembergischen Pfalzgrafenweiler. Sie fühlen sich in ihrer kleinen Wohnung im Nordschwarzwald geborgen und sind dankbar für ihr spätes Zuhause. Doch wenn Alfred vom „Dom, dem Haus, dem Garten“ spricht, meint er Königsberg - jenen Ort, den er als Kind verlassen musste und der für ihn bis heute Heimat geblieben ist. Manchmal, erzählt er leise, träume er nachts davon.

Späte Geste der Anerkennung

Lange galten die Wolfskinder in der Bundesrepublik wie in der DDR als Randthema der Zeitgeschichte. Erst durch die Arbeit von Historikerinnen wie Ruth Leiserowitz und durch das Engagement von Organisationen wie der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) rückte ihr Schicksal stärker ins Bewusstsein. 2017 attestierte die Bundesregierung ihnen ein „besonderes Kriegsfolgenschicksal“. Seither konnten Wolfskinder, die nach 1945 für eine ausländische Macht unter Zwang gearbeitet hatten, eine symbolische Anerkennungsleistung von 2.500 Euro beantragen. Für viele kam diese Geste spät, doch sie markiert einen Wendepunkt: Erstmals wurden Leiden und Lebensleistung der Kinder offiziell anerkannt.