Die Opfer des Friedens

Quito (epd). Porfirio Jaramillo kämpfte für sein Recht auf Land. Der Bauer aus der nordkolumbianischen Region Urabá forderte die Flächen zurück, von denen er einst vertrieben worden war. Ende Januar wurde der Aktivist der Organisation "Tierra y Paz" ("Land und Frieden") nahe seinem Wohnhaus tot aufgefunden - ermordet.

Menschenrechtsorganisationen sind alarmiert über die Welle der Gewalt, die Kolumbien seit dem Friedensschluss mit der Farc-Guerilla erschüttert. Mindestens 17 Land- und Menschenrechtsaktivisten sind nach Angaben der staatlichen Opfergesellschaft seit Inkrafttreten des Abkommens Anfang Dezember getötet worden. Die Stiftung "Frieden und Aussöhnung" in Bogotá spricht von zehn Toten allein im Januar 2017.

Gleichzeitig berichteten Bewohner ländlicher Gemeinden und Menschenrechtler von einer verstärkten Präsenz paramilitärischer Gruppen in westlichen Departments wie Chocó und Cauca. In der Region Norte del Cauca seien Flugblätter im Umlauf, die ein Kopfgeld auf soziale Aktivisten ausloben. Auch Jaramillo wurde vor seiner Ermordung nach Angaben von "Tierra y Paz" bedroht. Er sollte seine Finca verlassen.

Die rechten Paramilitärs wurden in den 80er Jahren von Großgrundbesitzern gegründet, um den durch Landraub erworbenen Grund zu schützen und gegen linke Guerillagruppen wie die Farc vorzugehen. Sie werden für einen Großteil der Massaker verantwortlich gemacht, die im seit den 60er Jahren andauernden Bürgerkrieg verübt wurden. Seit 2006 gelten die Milizen offiziell als entwaffnet. Doch schon während der Friedensverhandlungen mit der Farc machten neoparamilitärische Gruppen wieder von sich Reden.

Diese Banden besetzten einen Teil der Gebiete, die früher von der Farc kontrolliert wurden, erläutert Ariel Ávila, stellvertretender Direktor der Stiftung "Frieden und Aussöhnung". Die Farc-Kämpfer haben sich in den vergangenen Tagen und Wochen wie im Friedensabkommen vorgesehen in den Schutzzonen konzentriert und sich aus fast allen bisher kontrollierten Gemeinden zurückgezogen. Die Konsequenz: Andere Gruppen nehmen ihren Platz ein. In einigen Gebieten sind es die Rebellen der zweitgrößten Guerilla, ELN, anderswo Farc-Dissidenten oder wiederbewaffnete Paramilitärs.

Eine solche Miliz soll auch für die Ermordung des Bauern Porfirio Jaramillo verantwortlich sein. Die Neoparamilitärs würden für die Morde beauftragt, erläutert Ariel Ávila. Dahinter stünden aber häufig Politiker, Agrarunternehmer, Viehzüchter. Sie lehnten den Friedensprozess ab, weil sie fürchten ihre widerrechtlich angeeigneten Ländereien wieder zurückgeben zu müssen.

Die Farc-Guerilla warnte bereits im November vor einem "Genozid der sozialen Aktivisten". Die Rebellen, die sich vom bewaffneten Kampf losgesagt haben und eine politische Partei gründen wollen, haben genügend historische Beispiele für ihre Befürchtungen. Mehr als 3.000 Mitglieder der linken Partei Unión Patriótica, von ehemaligen Guerilleros gegründet, wurden in den 80er Jahren systematisch von paramilitärischen Todesschwadronen und Sicherheitskräften ermordet, darunter zwei Präsidentschaftskandidaten. Auch zahlreiche Mitglieder der zur Partei gewordenen Guerilla M-19 wurden ermordet, ebenfalls ein Kandidat für die Präsidentschaft.

Die Gefahr, dass sich ein solches Massaker wiederholt, sei gegeben, wenn der Staat den Farc-Kämpfern und den gesellschaftlichen Aktivisten nicht die nötige Sicherheit und politischen Garantien gewähre, meint die Organisation OIDHACO mit Sitz in Brüssel. Die Menschenrechtler sprechen von einer "systematischen Aggression" gegenüber Aktivisten und befürchtet, dass die Regierung dies nicht anerkennt. Verteidigungsminister Luis Carlos Villegas nannte die Ermordung von Aktivisten denn auch Einzelfälle, für die Kriminelle und Drogengangs verantwortlich seien.

Mittlerweile hat die Regierung jedoch reagiert und eine Nationale Kommission gegründet, die den Aktivisten Sicherheit gewähren und gegen die organisierte Kriminalität vorgehen soll. Präsident Juan Manuel Santos kündigte an, 68.000 Soldaten in die besonders gefährlichen Gebiete zu entsenden.

Politologe Ávila fordert zudem eine Stärkung der Polizei und der Justiz in den ländlichen Regionen. Nur so könnten Verbrechen wie die Ermordung Porfirio Jaramillos aufgeklärt werden. Bisher blieben rund 96 Prozent der Morde straffrei.